Performance : Der Prometheus-Test

Demonstrieren? Inszenieren! Rimini-Protokoll bringt hundert Bürger in Athen auf die Bühne

Max Glauner

Im Laufe ihrer Geschichte wanderte die klassische Demokratie Athens einmal um die halbe Akropolis: Von der Agora, dem Marktplatz im Westen, zog man um 500 v. Chr. mit der Volksversammlung auf den unansehnlichen Hügel Pnyx, um schließlich im komfortablen Dionysostheater am Südhang des Akropolisfelsens unterzukommen. In römischer Zeit errichtete der Mäzen Herodes Atticus genau dazwischen ein zedernholzüberdachtes Odeion für den großen Budenzauber vor bis zu 5000 Zuschauern. Das Herodeion, die O2-Arena des antiken Athen.

Dummerweise brannte die Überdachung schon früh nieder. So hat man auf den steilen Rängen zwar einen spektakulären Blick auf den Westgiebel des Parthenon. Doch die Sonne sengt unerbittlich in das Halbrund. Einzig die gut erhaltene Bühnenwand bietet am späten Nachmittag etwas Schatten. Heute ist die erste Probe vor Ort für „Prometheus in Athen“ von der Künstlergruppe Rimini Protokoll, wenige Tage vor der Premiere an diesem Donnerstag.

Daniel Wetzel lacht. Nein, um eine Restitution von griechischer Demokratie, Volksgewalt und -herrschaft gehe es nicht: „Das Theater kann demokratische Defizite nicht einholen.“ Man will lieber Widersprüche aufzeigen, das Faktische durcheinanderbringen und damit spielen. Eine Maxime der im Berliner HAU ansässigen Rimini-Leute: Niemandem etwas vormachen und nicht so tun, als wüsste man es im Theater besser.

„Prometheus in Athen“: Hundert Athener Bürger, die statistisch repräsentativ für die gut drei Millionen Einwohner der Stadt stehen, machen sich Gedanken über Prometheus – an eben dem Ort, für den die Aischylos-Trilogie einst enstand. Anfangs sollte das Projekt im benachbarten, allerdings zerstörten, 17 000 Zuschauer fassenden Dionysostheater realisiert werden. Oder in Epidauros. Dort unterhält das Greek Festival seinen zweiten traditionellen Aufführungsort, ergänzt Helgard Haug, die zusammen mit Wetzel künstlerisch verantwortlich ist. Bereits 2004 loteten die beiden mit der Videoarbeit „Hot spots“ das Verhältnis von antikem Theater und Tourismus in Athen aus. Doch erst unter der neuen Festivalleitung wurde das Projekt konkret, nachdem Rimini mit der Bürger-Revue ,100 Prozent Berlin‘ Erfolge feiern konnte.

Im Sommer 2009 zeichnete sich jedoch die Gefahr des Scheiterns ab, wegen des Geldes, wegen der Krise. „Die Kürzung der Subventionen betrug 20 Prozent“, gibt Festivalleiter Yorgos Loukos Auskunft. „Obwohl die Eintrittspreise niedrig sind, können wir  das drohende Defizit 2010 wahrscheinlich durch mehr verkaufte Karten kompensieren. Die Leute können es sich nicht mehr leisten, in den Urlaub zu fahren. Sie gehen stattdessen ins Theater.“ Ob sie sich auch vermehrt Antworten vom Theater erwarten? Loukos zuckt mit den Schulten: „Ich versuche offen zu sein, für jede interessante Kunstform.“

In den Theater-Arenen von Epidauros oder Herodeion ist das griechische Publikum antikes Drama oder die „Drei Tenöre“ gewohnt. Experimente wie die von Rimini Protokoll waren dort bisher undenkbar. Aber nun steht im Theater unter der Akropolis die Frage nach legitimer Herrschaft auf dem Spielplan.

Die Techniker im Herodeion haben die Videoanlage installiert. Von einem hohen Bühnentor aus soll eine Kamera die Bewegung der hundert Athener plus dreier Repräsentanten der Stadt – zwischen zwei und 85 Jahre alt – aufnehmen und auf eine runde Leinwand projizieren. In der Berliner Produktion war das einfach; hier wartet man nun auf die dritte Kamera, weil die ersten beiden nicht geeignet waren.

Die Gründe für den Schlendrian: die Griechenland-Pleite, beziehungsweise Frust und Ärger über die aktuelle Lage bei der Bühnentechnik. Müssen sich Freie ohnehin mit zwei, drei Nebenjobs über Wasser halten, fehlt den Festen seit den jüngsten Parlamentsbeschlüssen das 14. Monatsgehalt. In Frührente geht jetzt keiner mehr. Man improvisiert bis zur Premiere.

Das Bühnenrund füllt sich mit den Darstellern. Sie sehen sich hier zum ersten Mal, staunen über den Raum, den keiner aus dieser Sicht kennt. Lampenfieber? Dazu meint Anna-Maria, eine Dame aus Rumänien mit griechischem Pass: „Vielleicht wäre ich aufgeregt, wenn ich Schauspielerin wäre. Hier vertrete ich ja nur mich und meine Sache.“ Anna-Maria leitet ein Resozialisierungsprojekt für Zwangsprostituierte.

In Vorgesprächen wurde sie nach statistischen Kriterien – Geschlecht, Alter, Wohnort, nationalem Hintergrund – ausgesucht. Dieses Prinzip aus den Vorgängerproduktionen in Berlin und Wien wurde nun gewissermaßen auf Aischylos und „Der gefesselte Prometheus“ angewandt. Nun wird auch gefragt, was die Laiendarsteller mit dem antiken Figurenarsenal zwischen Auflehnung und Anpassung verbindet.

„Kollisionstheater“ kann man das mit Daniel Wetzel nennen: Was passiert, wenn das antike Drama, auf heutige Zustände tirfft? Anna-Maria, weil sie zu den Flüchtlingen hält, wählte als Figur die von Hera verfolgte Io. Yannis wiederum, von Beruf Gefängniswärter, fühlt sich mit Hephaistos verbunden, der Prometheus an den Kaukasus schmiedet. Für den Generalstreik am Vortag können übrigens nur wenige auf der Bühne Verständnis aufbringen. Auch auf der Großdemonstration gegen die Rentenreform war kaum einer. „Ich halte es für wichtiger, hier mitzumachen“, sagt einer, der sich mit Okeanos identifiziert. Was man damit erreichen könne? „Was erreichen die Demonstranten?“, kontert er.

Für das Duo Wetzel-Haug ist das Durchschnittliche subversiv. Zum Beispiel bekommt die bulgarische Migrantin und Gewerkschaftsaktivistin Konstantina Kuneva, die wegen ihres Protests gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen 2008 Opfer eines Säureattentats wurde, nach dem schnell verhallten Medienhype erneut eine Stimme. Mit ihr und den anderen probt die kleine Athener Multitude nun bis Mitternacht Auf- und Abtritte, erste Choreografien, Theaterbilder.

Schon klappt das Sammeln und Verlaufen besser, und die hundert Ausgewählten tanzen zu Akkordeon, Saxofon und Bouzouki. Noch drei Tage Proben. Kaum vorstellbar, dass das fünftausendköpfige Herodeion-Publikum dem Charme dieser Athener Hydra bei der morgigen Premiere nicht erliegen wird.

„Prometheus in Athen“ ist als deutsch-griechische Lectureperformance am 31. Juli auch in der Stiftung Zollverein Essen zu sehen.

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