Perlentaucher : Ab in die Wundertüte

Als die Kultur ins Netz ging: zehn Jahre Perlentaucher – ein Besuch bei den Berliner Feuilleton-Onlinern.

Jürgen Neffe
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Keine Angst vor Großkritikern. Die Gründer Thierry Chervel und Anja Seeliger. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Adresse im Dichterviertel von Berlin-Mitte verspricht mehr, als die Kleinraumwohnung im Erdgeschoss links der Eichendorffstraße 21 hält. Einzig das Klingelschild hat der Konturlosigkeit der Häuserzeile etwas entgegenzusetzen. Perlentaucher, das klingt nach Südsee und jungen Männern in Badeshorts, nach Exotik in palmgrün, cremeweiß und türkis, den Nationalfarben tropischer Paradiese. Dagegen die Enge vollgestellter Bürozimmer, das Rauschen der Rechner, Router und Festplatten, blassblau aufscheinende Gesichter, Tastaturen unter Trommelfeuer, Kaffee, Croissants. Ein winziger Knotenpunkt im Gewebe der Weltmaschine Internet – und als wichtigstes deutsche Onlinemagazin für Literatur und Kultur längst eine feste Adresse: www.perlentaucher.de.

Es ist kurz nach sieben in der Früh. Der Chef öffnet die Tür, Thierry Chervel, Jahrgang 1957, grau gelockt der Kopf wie der eines Musikus mit unruhigen braunen Augen, die auf Anhieb aus dem gallisch charmanten einen bitter galligen Germanen machen können, der keiner intellektuellen Rauferei aus dem Weg geht. Vielleicht liegt es am französischen Teil seiner Herkunft, wenn sich sofort das Bild eines kleinen Dorfes im nördlichen Gallien aufdrängt, das dank eines Tranks aus Druidenhand der römischen Übermacht Paroli bieten kann.

Chervel und sein Team saugen ihr Elixier für die Kämpfe gegen mächtige Medienhierarchen aus dem www: News as news can, gratis, schnell, crossmedial und mit der perlentauchertypischen Duftmarke mal wohlwollender, mal ätzender Kommentare. Dass er und seine Partnerin Anja Seeliger, die das Gratis-Kulturmagazin gemeinsam aufgebaut haben, ihr Handwerk bei der „tageszeitung“ gelernt haben, ist im rotzig-tazzigen Ton ihrer Wortmeldungen bis heute unüberhörbar.

Der Newsroom ist mit vier Mitarbeitern vor vier Monitoren auf vier Schreibtischen voll besetzt. Sechs Werktage die Woche das gleiche Ritual. Zwei Stunden konzentrierte Arbeit an der täglichen Presseschau „Heute in den Feuilletons“. Spiegel Online übernimmt das Angebot zum Preis von Anzeigenplätzen, die Chervel dort vermarkten darf. Bei ihren Tauchgängen werten und weiden die Onliner einschlägige Blogs sowie vor allem die Kulturseiten der seriösen überregionalen Blätter aus, auch die des Tagesspiegels. Wo immer es geht, werden die Beiträge mit der Onlineversion des Originals verlinkt. Ein Mausklick führt den Leser dann zum ursprünglichen Medium, zur „Neuen Zürcher“ wie zur „Frankfurter Rundschau“. Hinzu kommen eine aktuelle Bücherschau, kulturelle TV-Tipps im Teletaucher, der ständig aktualisierte Medienticker und die Magazinrundschau mit einem Überblick über internationale Zeitschriftentitel. Das Ganze finanziert sich über Anzeigen, meist von Verlagen, denen an Lesern mit hoher Affinität zur Literatur gelegen ist.

Am morgigen Montag dürfen die Taucher das Glas erheben. Zehn Jahre sind sie dann auf Sendung, zehn Jahre angefeindet und gefeiert, zehn Jahre auf der Jagd nach den Perlen im Netz – in dessen Zeitrechnung eine halbe Ewigkeit. Ein wechselvolles Jahrzehnt: bescheidene Anfänge 2000 in Moabit, Grimme-Preis 2003, Umzug in geräumige Redaktionsgelasse in der Chausseestraße mit bis zu 15 Mitarbeitern, dann der Verlust des wichtigsten öffentlichen Auftrags und der dramatische Rückbau auf wieder nur vier Festangestellte und wenige Quadratmeter.

In digitalen Dimensionen sagt die Größe der Behausung nur wenig über die Größe der Bedeutung aus. Die ergibt sich erst aus der Summe von Zuspruch und Ablehnung. Die Perlentaucher konnten sich über einen Mangel an beidem nie beklagen. Während den einen die tägliche Lektüre unverzichtbar bleibt, halten andere die Website für überflüssig bis gefährlich. Unter ihnen finden sich einige der einflussreichsten Kulturredakteure der Republik, die schon ganz andere Säue durchs Land getrieben haben. In ihrem Kampf gegen die Methode Perlentaucher übersehen sie aber mitunter, wie viel Zukunft der eigenen Zunft in der Netzzeitung steckt.

Es ist kurz vor acht. Über die Bildschirme huschen Blog-Einträge, Tweets, PDFs von Zeitungen, Magazinseiten, Comics, Fotos und Filmschnipsel. Wie ein Menetekel wird die „FAZ“ klassisch auf bedrucktem Papier gelesen. Das Rascheln im Newsroom erzeugt einen Moment lang Redaktionsstubenromantik. Die LinkAdressen werden per Hand ins System kopiert, die Feuilletons der einzelnen Zeitungen in wenigen Sätzen zusammengefasst.

Früher als andere in Deutschland haben die Perlentaucher die Zeichen des Internets und bald auch die Bedeutung von Google für den eigenen Erfolg erkannt. Mit einem Pagerank von 8 hat das kalifornische Unternehmen den Perlentaucher gleich hoch eingestuft wie „Spiegel online“. Seit kurzem schwört Chef Chervel auf Twitter als unverzichtbare Informationsquelle für News, Tipps und Links. Im Gezwitscher eines gewissen „hemartin“ findet er die Grafik des Tages: Schon seit 1950 nimmt in den USA die Zahl der Zeitungen pro Haushalt stetig ab. Das Internet hat den Trend allenfalls verstärkt. „Ich bin dabei, die ,Welt‘ zu verlinken.“ Noch zwölf Minuten, bis das Metamedium Punkt neun online geht – und sich in den Augen seiner Widersacher Unerhörtes erlaubt: Es bedient sich der Früchte fremder Federn, remixt und recycelt, be- und verwertet die Texte der Kollegen, stellt aus Links, Grafiken und Youtube-Schnipseln sein Produkt zusammen. Hin und wieder reichern Originalbeiträge die Mischung an, Texte von Götz Aly, Necla Kelek, Imré Kertesz oder André Glucksmann, ergänzt durch den Redaktionsblog und eigene Beiträge, die Chervel nach dem französischen Vorbild des „Canard enchainé“ in die Rubrik „Im Ententeich“ stellt.

Während der etablierte Kulturredakteur sich noch einmal im Bett umdreht oder seinen Kindern das Frühstück macht, wird sein aktuelles Werk von einer Gruppe anonymer „Feiglinge“, wie Hilal Sezgin kürzlich in der „Zeit“ schrieb, begutachtet, eingeordnet, ignoriert, kommentiert. „Ich beginne, den Perlentaucher zu hassen“, beginnt Sezgin ihre Tirade, an der am meisten überraschte, dass sie ausgerechnet im Kulturteil des Hamburger Wochenblatts erschienen ist.

Denn in Wahrheit geht es Sezgin nicht um den Online-Dienst, sondern um dessen Haltung zur Islamfrage. Chervel schlägt sich in seinen namentlich gezeichneten Essays unmissverständlich auf die Seite säkularisierter Aufklärung. Wer ihm und seinen Kollegen wegen ihrer launigen Kommentare „feige Anonymität“ vorwirft, irrt, denn ihre Namen sind problemlos im Impressum zu finden. Gleichzeitig gehörte der Perlentaucher zu den wenigen Medien, die den journalistischen Mut besaßen, ihren Lesern die berüchtigten Mohammed-Karikaturen zu zeigen.

Viel Feind, viel Ehr. Als der Perlentaucher begann, seine mit Zitaten versehenen Resümees der Buchkritiken zu verkaufen (u. a. an den Online-Buchhändler buecher.de), sahen die Juristen der Schwergewichte FAZ und SZ die Grenzen des Hinnehmbaren erreicht – obgleich der Ursprung der Zitate stets erkennbar ist. Mit ihren Unterlassungsklagen wegen Verletzung des Urheberrechts scheiterten sie in zwei Instanzen, vor dem Frankfurter Land- wie vor dem dortigen Oberlandesgericht. Alles legal, im Rahmen erlaubten freien Zitierens. Im Sommer entscheidet der Bundesgerichtshof über die Revision der Kläger. Bis dahin schwebt Damokles’ Schwert über der Redaktion – eine Niederlage könnte ihr Ende bedeuten.

Dass darüber nicht alle Printkollegen traurig wären, liegt weniger am angeprangerten Geschäftsgebaren der Konkurrenz aus dem Netz als an narzisstischer Kränkung. Dem Kritiker gehört das letzte Wort: Dieses eherne Gesetz hat das „einzigartige ‚Journal der Journale‘“ gebrochen, wie die Grimme-Jury die Onlinezeitung nannte. Sie verwendet nicht nur „die Gedanken der anderen“, so die Überschrift eines Perlentaucher-Bashings in der FAZ, sie verteilt auch Noten. In den Hochburgen der deutschen Presse reagieren sie genervt auf die Oberlehrer aus den Online-Niederungen. Dahinter steckt die alte Logik des Meisterbriefs, nach der nur ausgewiesene Fachbetriebe bestimmte Leistungen erbringen dürfen. In den Augen der Gegner gehört der Perlentaucher zur Pest, die Print den Garaus machen wird – auch wenn allein dessen Archiv mit Beiträgen zu 33 000 Büchern von über 20 000 Autoren für den Literaturbetrieb eine unschätzbare Quelle geworden ist.

Normale Mediennutzer, die eine Zeitung am Tag lesen, bekommen mit dem Perlentaucher Einblick in Debatten, bei denen nicht selten ein Feuilleton dem anderen widerspricht. Wer sich später einschaltet, kann die Fehde zurückverfolgen. Je mehr die Inhalte im digitalen Livestream zusammenwachsen, desto mehr werden Redaktionen, Verlage oder Sender zu Plattformen verschmelzen, die jedem Kunden das individuell zugeschnittene multimediale Angebot unterbreiten. Statt einzelner Zeitungen werden wir Dienste für vorsortierte Warenkörbe abonnieren – Wundertüten mit the best of the press.

Dass dem Prinzip Perlentaucher die Zukunft gehört, gilt als ausgemacht. Ob der Perlentaucher selbst daran teilhat, liegt an seiner eigenen Erneuerungskraft. Zwei aktuelle Ereignisse vermitteln eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen könnte. Erst hat Helene Hegemann mit dem Erscheinen ihres Romans „Axolotl Roadkill“ die „Intertextualität“ (nicht das heimliche Abschreiben) hoffähig gemacht. Wenige Tage später stellte AppleChef Steve Jobs mit dem iPad ein Gerät vor, das den Standard für die Nachfolger der Printmedien setzen dürfte.

Wenn die Medienhäuser demnächst zum Micropayment im Internet übergehen und einzelne Beiträge für ein paar Cent vermarkten, könnte die Stunde des Perlentauchers der Zukunft schlagen: Auf dem Weg durch den Mediendschungel das Beste aus der Presse auf den User zugeschnitten mit Empfehlungen zu Konsum und Kauf versehen – und sich dafür bezahlen lassen. Die gegenseitige Befruchtung, die beiden Seiten bei allen Klagen schon lange dient, könnten aus den Gegnern Partner werden lassen. Wenn es der Perlentaucher nicht versucht, werden es andere tun. Keine schlechte Idee, sich einen gewichtigen Freund zu suchen, der bei der Geburt in den Zaubertrank gefallen ist.

Der Autor lebt als Wissenschaftsjournalist und Publizist bei Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Darwin. Das Abenteuer des Lebens“ (C. Bertelsmann, 2008)


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www.perlentaucher.de ging am 15. März 2000 online und ist mit mittlerweile 900.000 Besuchern im Monat das größte unabhängige deutsche Internet-Kulturmagazin. Die Redaktion sitzt in Berlin.

Auf der Leipziger Buchmesse (18.–21. März) tritt der Perlentaucher am 20. März auf. Um 11.30 Uhr diskutiert Gründer Thierry Chervel mit Jürgen Neffe und Daniela Seel von kookbooks über die Netzzeitung und darüber, wie die Digitalisierung das Schreiben verändert (Halle 3, Stand 211). Um 20 Uhr stellen sich Chervel und Anja Seeliger u.a. den Fragen von Ulrich Johannes Schneider, dem Direktor der Leipziger UniversitätsBibliothek (ThomasiusClub, Arndtstr. 33).

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