Kultur : Persien-Ausstellung: Die Toleranz im Weltreich der Achämeniden

Ingo Bach

Herodot mochte die Perser nicht sonderlich: "Dem Wein sind sie sehr ergeben, aber es schickt sich nicht, in Gegenwart anderer sich zu übergeben oder sein Wasser abzuschlagen", schreibt der griechische Übervater aller Historiker. Kein Volk neige so "zu Fremdtümelei wie die Perser. Wo sie von ausländischen Torheiten und Lastern hören, müssen sie sie gleich nachmachen". Und die Griechen hatten allen Grund, über die Perser zu wettern, denn 480 v. Chr. fiel deren Großkönig Xerxes mit einer riesigen Streitmacht in ihr Land ein. 2500 Jahre später wird Europas Bild von Persien noch immer durch die Perspektive Griechenlands geprägt. Die alten Perser erscheinen dabei gleichsam als Hunnen der Antike: als asiatische Gefahr. Nicht einmal die ursprünglichen Namen ihrer Herrscher sind den meisten geläufig. Wir nennen sie Dareios, Kyros oder Xerxes - griechische Anverwandlungen von Darajavausch, Kurusch und Chschajarscha. Die Hauptstadt Parsa wurde zu Persepolis.

An dem getrübten abendländischen Bild könnte sich durch die Ausstellung "7000 Jahre persische Kunst", die gestern in der Bonner Kunsthalle eröffnet wurde, einiges ändern. Die Schau erfuhr im letzten Jahr in Wien schon große Aufmerksamkeit, später zog sie weiter nach Rom. Zum erstenmal seit der islamischen Revolution 1979 zeigt der Iran nun Schätze aus dem Teheraner Nationalmuseum im Ausland.

Der kunsthistorische Bogen reicht von den frühesten steinernen Idolen aus dem siebten vorchristlichen Jahrtausend bis hin zu Glasgefäßen aus frühislamischer Zeit des siebten nachchristlichen Jahrhunderts. Ein immenser, heute kaum fassbarer Zeitraum. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das uns so ferne europäische Mittelalter gerade erst einmal eintausend Jahre zurückliegt und das Römerreich vor zweitausend Jahren auf seinem Höhepunkt stand. Auch Wenzel Jacob, der Direktor der Bundeskunsthalle, gesteht, dass ihm dieser gewaltige Rahmen bei der Bonner Präsentation einiges Kopfzerbrechen bereitet habe.

Doch das Ergebnis gibt dem Wagnis Recht. Und die Konzentration ausschließlich auf edelste Artefakte lässt keine Langeweile zu, während man von Epoche zu Epoche springt. Überfüllte Schaukästen gibt es hier nicht, und zahlreiche Exponate sind als kostbare Solitäre in Einzelvitrinen ausgestellt, die es ermöglichen, das Werk von allen Seiten zu betrachten.

Ergänzt wird die Ausstellung mit faszinierenden Luftbildern aller bedeutenden iranischen Ausgrabungsstätten - allerdings ohne aktuelle Aufnahmen. Der Schweizer Fotograf Georg Gerster hatte 1976 bis 1978, also kurz vor der Revolution, die Gelegenheit, in über hundert Flügen den Iran aus der Luft zu fotografieren.

Umstürzende Weltbilder sind von der Bonner Schau zwar nicht zu erwarten, dafür aber ein gerechterer Blick auf eine fein austarierte Kultur der Toleranz in einem Reich, das uns lange als wackliger Vielvölkerstaat galt, in Wahrheit jedoch ein stabiles multikulturelles System war. Die persischen Eroberer, die in der Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts unter dem Begründer der Achämeniden-Dynastie, Kyros dem Großen, das erste Weltreich der Geschichte aus dem Steppenboden stampften, respektierten die Kultur und Religion der unterworfenen Völker. So trat der Großkönig in Ägypten als Pharao auf, in Babylonien ließ er sich als Nachfolger des Hammurabi verehren. Das Leben in den eroberten Ländern verlief weiter in den gewohnten Bahnen. Nur die Abgaben hatten pünktlich an die Beamten in den königlichen Residenzen zu fließen.

Das persische Reich der Achämeniden (558 - 331 vor Christus) stand in der Tradition der alten Hochkulturen Mesopotamiens. Historiker bezeichnen die drei Reiche - das altpersische der Achämeniden, das Parthische Reich (247 v. Chr. - 224 n. Chr.) und schließlich das der Sassaniden (224 - 651) - auf dem Gebiet deshalb auch als die letzte altorientalische Hochkultur.

Griechen, Römer und Byzantiner legten sich oft mit ihrem Nachbarn im Osten an, oder er mit ihnen. Xerxes (486 - 465) stieß bei seinen Eroberungen bis an das Tor zum Herzen Griechenlands vor - und holte sich in der Seeschlacht von Salamis 480 eine blutige Nase. Salamis und ein Jahr später Plataiai - Schlachten, die von der griechischen Überlieferung zu einem letztlich siegreichen Ringen auf Leben und Tod überhöht wurden. Besonders Herodots Geschichtswerk, das etwa 60 Jahre nach diesem Feldzug entstand, hat unser Bild von den Achämeniden nachhaltig geprägt. Doch für Persien ging es - im Gegensatz zu Griechenland - bei diesem Krieg keineswegs um existenzielle Fragen. Für Xerxes waren das Geplänkel am fernen Rand seines Imperiums, das vom Balkan bis nach Zentralasien reichte.

150 Jahre später war das anders. Alexander der Große brach 334 aus Mazedonien auf, um dem Koloss im Osten die tönernen Füße wegzuhauen. Propaganda nutzte auch er. Rache wolle er nehmen für die persischen Aggressionen, deren Erinnerung in der griechischen Kleinstaatenwelt noch immer sehr präsent war. Weich, orientalisch dekadent - es war Alexander selbst, der dieses abschätzige Vorurteil über die Perser zu bestätigen schien. Innerhalb weniger Jahre hob er das Reich aus den Angeln und setzte sein kurzlebiges Weltreich an dessen Stelle.

Nach der Zeitenwende standen sich an der Grenze zu Asien andere Reiche gegenüber, doch waren beide von ihren jeweiligen Vorgängern geprägt: das Römische Imperium im Westen und das Partherreich im Osten. Man liebte sich nicht, übte sich jedoch meist in friedlicher Koexistenz. Des Handels wegen. Die Parther beherrschten mit der Seidenstraße den römischen Handel mit China und verteidigten diese lukrative Mittlerrolle. Als der Kaiser von China einen Versuch startete, direkt mit seinem römischen Amtskollegen zu verhandeln, logen die Parther im Interesse der Staatsräson. Dem chinesischen Gesandten, der im Jahre 97 n. Chr. am Persischen Golf stand und sich nach Transportmöglichkeiten Richtung Rom erkundigte, erzählte man, die Fahrt dauere drei Jahre. Entmutigt gab der Gesandte auf.

Doch zurück nach Bonn: Der Ausstellungsrundgang endet mit der frühislamischen Epoche. Eine der ersten iranischen Koranhandschriften aus dem 9./10. Jahrhundert entlässt den Besucher in die Gegenwart. Natürlich war irgendwo ein Schnitt nötig. Aber wurde da nicht eine Chance verpasst, angesichts der zunehmenden Verständigungsprobleme zwischen Okzident und Orient das Bild eines kulturell reichen und toleranten Islam zu zeichnen? "In zwei oder drei Jahren wird es eine Fortsetzung geben, bis in die Gegenwart", verspricht der Direktor des Teheraner Nationalmuseums, Mohammad-Reza Kargar.

Die Iraner sind stolz auf das Erbe ihrer Vorfahren. "Unser Volk war zwar immer offen für fremde Einflüsse", sagt Kargar. "Aber es gelang ihm, seine eigene Kultur über die Jahrtausende hinweg zu bewahren." Selbst die gegenwärtige iranische Sprache sei in ihren Grundlagen immer noch das alte Parsi.

Umso weniger versteht es der iranische Museumschef, wenn die radikalen Glaubensbrüder in Afghanistan, die Taliban, ihr kulturelles Erbe in die Luft sprengen. Kargar kritisierte in Bonn bemerkenswert scharf die Zerstörung zweier monumentaler alter Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan im vergangenen März. "Das war eines der bittersten Ereignisse der vergangenen zehn Jahre. Diese Werke gehören der ganzen Menschheit." Die Toleranz des antiken Achämeniden-Reiches klingt hier noch an.

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