Kultur : Perspektivwechsel

Der Westen nach ’89: eine Konferenz in Berlin.

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Den größten Aha-Effekt erzeugt der Titel. „Former West“ hat das Haus der Kulturen der Welt (HKW) sein noch bis Samstag laufendes Kunst-Konferenz-Programm genannt. Es geht um den Westen nach 1989 und um ein Umdenken. Denn stets ist vom ehemaligen Osten die Rede, nie jedoch vom ehemaligen Westen. Warum? Das Forschungsprojekt folgt der These, dass der Westen an seinem alten Vormachtsanspruch festhält. Wie reagiert die Kunst darauf? Und was kann der Westen lernen?

Um diese Fragen drehen sich Vorträge, Diskussionsrunden und Performances. 170 Studenten, junge Künstler und Kunsttheoretiker internationaler Hochschulen von Amsterdam über Johannesburg und Zagreb sind in Workshops zu Gast. Außerdem gibt es eine Ausstellung, die nicht so heißen darf, denn die Macher wollen die Kunstproduktion nach 1989 neu definieren und verwerfen alte Begrifflichkeiten. Das passt zum Philosophen Boris Groys, der in seinem Eröffnungsvortrag davon sprach, Museen seien „Ancien Régime“, weil sie Kunst und Künstler selektieren und somit ästhetisch zensieren. Im HKW ist es aber de facto eine Ausstellung mit rund 25 Arbeiten über das ganze Haus verteilt, das als Austragungsort dieser siebentägigen Denkfabrik nicht besser hätte gewählt werden können. Als Geschenk der Amerikaner ist das HKW das architektonische Symbol für westliche Moderne schlechthin. Einige Künstler greifen daher auch ins Gebäude ein. So hat die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles eine Fensterfront mit verschmutzen T-Shirts eingerieben. Die Hemden hat sie in ihrer Heimat von jungen Menschen eingesammelt, die in Regionen leben, in denen der Drogenkrieg besonders wütet. Berührend ist auch das Video des britischen Künstlers Phil Collins, der Palästinenser in Ramallah eingeladen hat, bis zur vollständigen Erschöpfung zu Popmusik zu tanzen. Einerseits spiegelt das den Kampf der Menschen in täglicher Bedrohung, andererseits zeigt es sie jenseits aller Klischees: als lockere Leute, die zu westlichen Discogrooves abtanzen. Anna Pataczek

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