Kultur : Peter Glotz über "Wendezeiten - Zeitenwende" von Jürgen Rüttgers

Peter Glotz

Die Grundthese des Buches von Jürgen Rüttgers ist ausgewogen und trifft die Lage. Der Industriekapitalismus rinnt aus, der Komplex der digitalen Technologien erzwingt eine neue Formation von Marktwirtschaft und Demokratie.

Doch mit der Terminologie hat man seine Schwierigkeiten. Auch frühere gesellschaftliche Formationen waren das Produkt von "Wissen". Auch klingt der Terminus "Wissensgesellschaft" so, als bestünde die neue Gesellschaft der Zukunft aus lauter Wissenden. Davon kann keine Rede sein. Deshalb finde ich den rüden, aber offeneren Begriff "digitaler Kapitalismus" angemessener. Kapitalverhältnisse werden die Gesellschaft der Zukunft nämlich entscheidend bestimmen. Aber man muss verstehen, dass handelnde Politiker unumstritten positive Begriffe für ihre Zukunftsvisionen bevorzugen.

Dennoch widersteht Rüttgers der Versuchung, alte emotionale Wahlkampfthemen auszugraben. So schreibt er kühl: "Eine neue Auseinandersetzung um die Gesamtschule bringt nichts." Da hat er Recht. Die berühmt gewordene TIMMS-Studie zeigt, dass wir Nachholbedarf in Mathematik und Physik auf bestimmten Schulstufen haben. Aber der internationale Vergleich zeigt, dass im Prinzip Gesamtschulsysteme nicht schlechter abschneiden als gegliederte Systeme. Angesichts der über Jahrzehnte aufgeheizten Schulformdebatten ist diese sachliche Analyse durch einen führenden CDU-Politiker bemerkenswert. Rüttgers zeichnet ein Konzept vom Bildungssystem unserer Republik, über das zu diskutieren lohnt. Es gibt manche Akzentunterschiede zwischen diesen und sozialdemokratischen Ideen, aber keinen weltanschaulichen Streit.

Zwei Einwände sind notwendig. Die Formel "Humboldts Universität ist tot" ist missverständlich. Natürlich haben sich die Bedingungen von Lehre und Forschung seit 1809 grundlegend gewandelt. Die Grundidee "Bildung durch Wissenschaft", die enge Verkoppelung von Forschung und Lehre und das Drängen auf den immerwährenden Streit der Fakultäten sind aber heute so notwendig wie vor 200 Jahren. Es ist uns seit 1810 auf konzeptioneller Ebene nichts Besseres eingefallen als Humboldt.

Zweitens vermisst man ein klares Wort zum Hochschulbudget. Es muss aufgestockt werden. Wer außerstande ist, die dringenden Mehrausgaben an deutschen Hochschulen aus Steuergeldern zu bestreiten, muss den Betroffenen die Wahrheit sagen und sie mit der Notwendigkeit konfrontieren, einen Eigenbeitrag zu leisten. Dass sich die SPD mit dieser dürren Wahrheit schwer tut, ist aus ihrer Geschichte gut erklärlich. Um so notwendiger wäre eine unmissverständliche Position der Opposition, die doch so oft von Leistungsanreizen und Eigenverantwortung spricht. Jürgen Rüttgers hat sich in dieser Frage als Bildungsminister bedeckt gehalten und tut es jetzt auch als Protagonist der Opposition.

Das Wirtschaftskapitel beginnt mit dem Satz: "Arbeit für alle ist möglich." In der Tat macht es keinen Sinn, das Ende der Arbeit zu verkünden. Auch die digitale Gesellschaft wird einen erheblichen Anteil an Industriearbeit behalten. Im Übrigen ist es möglich, dass die Arbeitsplatzbilanz der "Wissensgesellschaft" weltweit positiv sein wird. Schwellenländer (z. B. Indien, Brasilien, Malaysia oder Indonesien) erhalten durch die neuartige Welthandelsstruktur sowie die Aufräufelung der Nationalstaaten neue Chancen. Zu befürchten ist, dass die Arbeitsplatzbilanz in technisch avancierten Gesellschaften wie der unseren eher negativ sein dürfte. Deshalb muss man im Unterschied zu Jürgen Rüttgers eine Spaltung unserer Gesellschaft in einen Zweidrittelblock und ein "drittes Drittel" sowie kulturkampfähnliche Auseinandersetzungen zwischen diesen Lagern um Beschleunigung und Entschleunigung vorhersagen.

Jürgen Rüttgers hat ein materialreiches, unpolemisches, sachbezogenes Buch geschrieben. Es ist gelegentlich zu vorsichtig, in vielen Passagen aber vorwärts weisend - und allemal lesenswert.Jürgen Rüttgers: Wendezeiten - Zeitenwende; das Jahr-2000-Projekt. Die Wissensgesellschaft. Siedler

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