Peter Handke und "Die Obstdiebin" : Lob der Hornissen

Gesang, Gebet, Wandermeditation: Peter Handkes schreibt sein erstes großes Alterswerk „Die Obstdiebin“.

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Ganz anders im Hier und Jetzt. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke.
Ganz anders im Hier und Jetzt. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke.Foto: Antonio Cotrim/dpa

Die Dinge so ansehen, als wäre es das erste Mal. Mit der Unschuld des reinen Blicks erkennen, wie sie ihr Eigenleben führen und zugleich einen einzigen Zusammenhang ergeben. Peter Handkes Literatur zehrt seit bald 40 Jahren von dem Phantasma, die Wirkkräfte alles Irdischen in einem Erzählen ohne Anfang und ohne Ende zu bannen, das auf fast schamanistische Art Mensch, Tier und Landschaft, Belebtes und Unbelebtes verbindet: ein geduldiges Einsammeln von Einzelheiten, die in epiphanischen Momenten zu einer Art Weltformel zusammenschießen. Dieses eine große Buch schreibt nun „Die Obstdiebin“ fort. 559 Seiten Gesang, Gebet, Predigt und Wandermeditation, deren Anrufung des ersten Mals mit der Ahnung – und der zauberischen Abwehr – eines letzten Mals behaftet sind: Am 6. Dezember wird Handke 75 Jahre alt.

Das „letzte Epos“, wie er es nennt, ist sicher nicht sein letztes Wort. Doch noch nie war sein Bemühen, die eigene Endlichkeit mit jenem ewigen Gesetz zu versöhnen, das er seit „Langsame Heimkehr“ (1979) umkreist, so stark wie hier. Die Wiederholungsschleifen, die er dabei nimmt, sind sowohl Bekräftigung jenes Willens zu einem unablässigen Neuanfang, den „Die Wiederholung“ (1986) zum Programm erhob, als auch Ausdruck einer persönlichen Obsession – und neuerdings einer seltsamen Koketterie. Denn zum einen bewegt sich diese Prosa auf derselben Umlaufbahn um ihr unaussprechliches Geheimnis wie eh und je. Zum anderen starrt sie nur so vor Anspielungen auf die früheren Bücher, etwa den „Versuch über die Jukebox“ (1990) oder den „Bildverlust“ (2002). Ausdrücklich knüpft sie vor allem an die Verwandlungssehnsucht von „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ an.

Wo sich sein 1994 erschienenes „Märchen aus den neuen Zeiten“ im Schatten eines fiktiven europäischen Bürgerkriegs entfaltete, rauscht über „Die Obstdiebin“ die ungleich realere „Druckwelle einer weltweiten Katastrophe“ hinweg. In ihr spiegeln sich sowohl das europäische Flüchtlingsdrama wie die islamistischen Anschläge auf den Club Bataclan oder „Charlie Hebdo“: Ereignisse, mit deren verschwommener Evokation sich Handkes weltabgewandtes Lob des Unscheinbaren selbst herausfordert.

Homer der Pariser Vorstadt

1990 war er nach Chaville, eine Kleinstadt zwischen Paris und Versailles, gezogen. Dort, in seiner Niemandsbucht, bewohnt er ein verwunschenes Sandsteinhaus mit Garten, von dem aus er zu seinen Pilzsammelausflügen in die benachbarten Wälder und zu seinen Reisen aufbricht. Inzwischen besitzt er zusätzlich ein schlichtes Landhaus in der Picardie. Beide Erfahrungen fließen fast ungehemmt autobiografisch in die „Obstdiebin“ ein. Der namenlose Ich-Erzähler verzichtet sogar auf sein Alter Ego Gregor Keuschnig, wenn er auf den ersten 160 Seiten wieder als Homer der Pariser Vorstadt auftritt. Als Chronist der Ereignislosigkeit sinniert er bei seinen Spaziergängen übers Jungsein und seine – nicht nur unglückliche – Altersschwäche, bevor er zur Seite tritt und der Obstdiebin Alexia das Feld der Picardie und das Plateau des Vexin überlässt: Sie unternimmt jene „Einfache Fahrt ins Landesinnere“, die dem Buch seinen zweiten Titel gibt.

Trotz ihrer Jugend kommt Alexia von fern her durch die Zeiten und Räume, irgendwie von den Ufern des sibirischen Jenissej her und eigentlich geradewegs aus dem Paradies. Denn sie ist die alttestamentarische Eva, die den verbotenen Apfel gepflückt hat. Ein weiblicher Franz von Assisi, der allen Tieren zugetan durch die Flussauen pilgert. Eine Nachfahrin der Teresa von Avila. Eine Schwester von Wolfram von Eschenbach. Teil einer heiligen Familie, die sich am Ende zu einem anarchistischen Fest im Namen der schönen Zwecklosigkeit versammelt.

Zu allem Überfluss ist sie eine „Auserwählte unter den Frauen“, der auf dem „Bildschirm hinter den Lidern“ eine Handschrift aufflimmert, die sie als ein Erzählen entziffern soll, das sich selbst erzählen will und ihr den Weg weist. Handke steht wieder einmal auf der Kippe von Erleuchtung und Delirium. Man könnte seine Literatur, in der auf Seite 489 lustvoll Eucharistie gefeiert wird, einem theologischen Oberseminar zur Exegese vorlegen, aber auch als Selbstparodie der „Titanic“ unterjubeln. Absätze von betörender Ruhe und Sinnlichkeit wechseln mit pathetischem Geklapper voller Aufzählungsticks und Redundanzfloskeln. Besonders enervierend ist die Mechanik, mit der Handke sich fragend ins Wort fällt, ob dies oder das denn wirklich so gewesen sei, dann nochmals Anlauf nimmt und gerne mit einer weiteren Frage den Sprung zum nächsten Absatz schafft: „Und was jetzt?“

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