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Peter Schneiders Mutterbuch : Kommune in Kriegszeiten

17.05.2013 15:03 Uhrvon
Der Schriftsteller Peter Schneider, 73Bild vergrößern
Der Schriftsteller Peter Schneider, 73 - Foto: dpa-bildfunk

Porträt einer ungewöhnlichen Frau: Peter Schneider erkundet in einem klugen, überraschenden Buch "Die Lieben meiner Mutter".

Auf einmal waren die Straßen verstopft von Pferden, die den frisch gefallenen Schnee aufwühlten. Die Bauern in Grainau, einem Dorf unterhalb der Zugspitze, hatten Kühe, Ochsen, Schafe, Schweine, aber keine Pferde. Pferde galten als Luxustiere. Woher kamen die mehr als 1000 Rösser? Sie gehörten zu versprengten Einheiten von Gebirgsjägern und SS, die auf der Flucht vor den Amerikanern die Straßen mit ihren Tieren verstopften. Noch Monate später hielten sich Hunderte von Menschen versteckt im Gebirge auf, in Heuschobern und Schutzhütten. Ihre Pferde haben sie zurückgelassen. Es ist April 1945; der Befehlshaber von Garmisch-Partenkirchen hat, gegen sämtliche Anordnungen, die Stadt zu verteidigen, bedingungslos kapituliert.

Das starke Bild der Pferde ist zugleich das Symbol für das Ende des Nationalsozialismus. Peter Schneider erzählt vom Krieg, das haben viele getan. Und er erzählt von seiner Mutter; auch das haben in den vergangenen Jahren – bedauerlicherweise – einige getan. In der Zusammenführung beider Themen ist Schneider ein kluges, überraschendes Buch gelungen, das nicht die Gattungsbezeichnung „Roman“ trägt, weil sein Nucleus nicht fiktional ist. Denn die Briefe der Mutter, die den Ausgangspunkt des Buches bilden, lagen Jahrzehnte bei Schneider herum, ungelesen nicht zuletzt deshalb, weil er die steile Sütterlinschrift seiner Mutter nicht lesen konnte und für ihren Inhalt erst eine Übersetzerin engagieren musste. Wie es dazu kam, dass sämtliche Briefe, also auch die von der Mutter geschriebenen, wieder in Schneiders Besitz kamen, ist eine Geschichte für sich. Im Roman würde man von haarsträubender Unplausibilität sprechen. Die Realität darf sich darüber hinwegsetzen.

Peter Schneider, Jahrgang 1940, gilt als eine Galionsfigur der 68er-Bewegung. Umso bemerkenswerter ist, dass er das Gegenteil einer Abrechnung mit der Elterngeneration geschrieben hat. Sein Ansinnen ist die Versöhnung im Privaten mit einer Frau, die starb, als er acht Jahre alt war. Sicher, der Schuldgedanke, die Fragen um NSDAP-Mitgliedschaft, Widerstand, Anpassung, Täterschaft – all das wird keineswegs ausgeblendet. Grundsätzlich aber geht es Schneider nicht um gesellschaftliche Aufklärung (die ohnehin bereits geleistet ist), sondern um Selbstaufklärung – und um das Porträt einer ungewöhnlichen, belastbaren, belasteten Frau. Schneiders Sprache ist klar, analytisch und präzise. Das Pathos und den hohen Ton bringt überraschenderweise die Mutter selbst ins Spiel. Ihre in kursiven Passagen auszugsweise in den Text eingebauten Briefe sind in einem von Lyrismen und philosophischen Sentenzen durchsetzten Duktus geschrieben. Der wiederum erklärt sich aus der biografischen Situation: Die Mutter hat zwei Männer, mindestens.

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