Phänomen Yacht Rock : Pazifische Gefühle, sanfter Pop

Als der Pop Mitte der siebziger Jahre erwachsen wurden, entstanden immer aufwändigere Produktionen. Jetzt wird die lange verpönte Softmusik dieser Ära wieder entdeckt. Der Yacht Rock feiert den Luxus und die Leichtigkeit.

von und Christian Schröder
Boz Scaggs: Silk Degrees
Boz Scaggs: Silk DegreesFoto: Columbia

Wenn Marcus Liesenfeld mal wieder als DJ Supermarkt unterwegs war und nach durchfeierter Nacht nur noch den Wunsch hat, wieder runterzukommen, greift er zu seiner Geheimwaffe: Soft Rock. Je entspannter, desto besser und am entspanntesten haben sie das Ende der Siebziger in Kalifornien hinbekommen, da, wo das Licht sanfter scheint als im Rest der Welt, die Sonne kaum untergeht und schon immer ein besonderes Lebensgefühl herrschte. „Diese Musik fühlt sich warm an und macht was Schönes mit einem“, sagt Liesenfeld. „So, wie man sich an einem Sonnenuntergang nicht sattsehen kann, werden mir auch diese Songs nicht langweilig.“ Liesenfeld hat gerade eine Compilation zusammengestellt, „Too Slow To Disco“ heißt sie, und sie greift einen Trend auf, der erstmals in den siebziger Jahren aufgetaucht und dann schnell wieder vergessen war: Yacht Rock.

So nannte sie damals, als diese sanft klingende, extrem sorgfältig produzierte Musik von der US-Westküste aus über die Welt kam, kaum jemand. Man sprach von Soft Rock, von „Middle of the Road“. Klare Stimmen, große Melodien und eine eskapistische Realitätsferne beherrschen diese Songs, die mithilfe der besten Studiomusiker eingespielt wurden. Die bekanntesten Vertreter waren die Eagles, die Doobie Brothers, Steely Dan, Hall & Oates und Fleetwood Mac. Man sang melancholisch von der Liebe und dem Leben, von endlosen Fahrten auf dem Highway – und immer wieder vom entspannten Dasein am und auf dem Meer.

Auch deshalb nannte der in Los Angeles wohnende Schauspieler JD Ryznar seine satirische Web-Serie, in der er den Lifestyle von diversen Soft-Rock-Stars dieser vergangenen Ära auf die Schippe nimmt, „Yacht Rock“. Elitäres, größenwahnsinniges Gehabe, die Lust auf Luxus, kalifornische Coolness, verspiegelte Sonnenbrillen, gebräunte Haut, leicht bekleidete Mädchen, Drogen, Sex und innere Leere – das sind die passenden Zutaten, aus denen er seine Comedy strickte.

Marcus Liesenfeld spricht lieber von Yacht Pop, meint aber das Gleiche: „Der Begriff hat sofort eine Art Cocktailfaktor! Klar ist das Soft Rock, das ist Disco, das ist Funk, das ist Blue Eyed Soul, aber mit solchen Schubladen würdest du sofort die Hälfte der potenziellen Käufer verlieren.“ Ein Jahr hat Liesenfeld gebraucht, um die 19 Songs für seine Compilation zusammenzubekommen. Keine leichte Aufgabe, das Plattenlabel Sony etwa schrieb auf seine Anfrage: „Nicht genug Profit, zu viel Arbeit“ – und ließ sich dann doch überzeugen. Auf dem Cover sieht man Palmen im Mondlicht, dahinter die Silhouette von Los Angeles, stilsicher knapp am Kitsch vorbei.

Doobie Brotthers: Takin' It To The Street
Doobie Brotthers: Takin' It To The StreetFoto: Warner

Denn dieses Yacht-Rock-Revival muss erst einmal das Image der Vergangenheit überwinden. Lange Zeit war diese Musik nur auf Radiosendern zu hören, die sich damit brüsten, das Beste von irgendwann zu spielen, aber ihr Versprechen nie einlösen. Soft Rock war eher etwas für heimliche Abhöraktionen im Keller, nichts fürs Posen im Auto. Zu schleimig, zu glatt, zu oberflächlich. Musik, die den Champagner-Kokain-freie-Liebe-Lifestyle der ersten Yuppies feierte. Alles andere als beliebt bei Rockkritikern.

Das hat sich geändert. Liesenfeld merkte es vor ein paar Jahren, als er einen Mix mit Yacht-Rock-Liedern ins Internet stellte, der von Zehntausenden gehört wurde und überraschend viele positive Kommentare nach sich zog. In London organisiert Chris Scott die „Yacht Rock Club Night“, er sagt, dass die Musik ihr negatives Image inzwischen komplett verloren habe. Auch Scott hat gerade eine Compilation mit „60 Smooth Rock Classics from the 70s & 80s“ herausgebracht. Titel: „Yacht Rock“. Er fasst den Begriff etwas weiter, bei ihm finden sich, neben den Doobie Brothers und Christopher Cross, auch Elton John, Foreigner, Boston und Toto.

Der Sound ist bereits bei aktuellen Bands angelangt. Manche, wie etwa die kalifornische Schwestern-Gruppe Haim, orientieren sich dabei nicht so sehr an den perfekten Produktionen der Soft-Rock-Ära, sondern an der Grundstimmung, wie sie sich etwa bei Fleetwood Mac findet. Andere wie die ebenfalls aus Los Angeles kommenden Poolside, versuchen den Sound der Zeit zu imitieren. Die französische Band Phoenix verbeugt sich mit ihrem Pop vor der Achtziger-Jahre-Variante des Yacht Rock, das Electro-Duo Chromeo baut in seine Songs, vermutlich ironisch gemeint, Soft-Rock-Samples ein und tritt auch schon mal gemeinsam mit Hall & Oates auf.

Chicago: V
Chicago: VFoto: Rhino

Die britische Band Metronomy legt ebenfalls sehr viel Wert auf die entsprechende Produktion, verlagert das Thema ihrer Songs aber von der Westküste der USA in die englische Heimat. Das funktioniert nur, weil die „britische Riviera“, die ihrem vorletzten Album den Titel gab, ein vergleichbares Lebensgefühl vermittelt: der warme Golfstrom beeinflusst das Klima in diesem schmalen Landstrich so sehr, dass hier Palmen wachsen.

Liesenfeld hält die aktuellen Versuche, den Westküsten-Sound zu adaptieren und weiterzuentwickeln, nur teilweise für gelungen. Für ihn klingt die Musik von damals komplett anders, grandioser: „Damals waren die Studios so groß wie Turnhallen, die Studios hatten zwanzig Angestellte, die tollsten Musiker und Backgroundsänger. Am Computer oder als Schlafzimmerproduzent bekommt man diesen Sound nicht hin.“ Bei vielen der Produktionen, die vor dreißig Jahren in Kalifornien eingespielt wurden, waren virtuose Studiomusiker am Werk. Manchmal wurde extra für einen Song ein bestimmter Bassspieler eingeflogen oder ein Drummer eingekauft, weil man sich von ihnen ganz bestimmte Sounds erhoffte. Steely Dan sollen 1980 für ihr gerade einmal sieben Songs umfassendes Album „Gaucho“ über 40 Musiker und ein Dutzend Toningenieure angestellt haben. Heute wäre das undenkbar.

Drei Faktoren waren es wohl, die dem Yacht Rock den Saft abdrehten, das jedenfalls glaubt Liesenfeld: „Der Exzess und der Größenwahn der Musiker waren so groß, dass da jemand reinschlagen musste. Das taten dann Punk und Disco.“ Den Rest erledigte die Musikindustrie, die mit Kuschel-Rock-Compilations und Vermarktungsstrategien dafür sorgte, dass diese so furchtbar angenehme Musik das Letzte war, was man als cooler Mensch anfassen durfte.

Drei Klassiker des Yacht Rock

The Doobie Brothers: "Takin’ It to the Streets"

Die Doobies zelebrieren auf ihrem fünften Album (1976) den Funk. Ihr südkalifornischer Easy-Livin’-Rock vibriert, Synthies pluckern plastikhaft, Gitarren pulsieren. Die Bläsersätze säuseln unglaublich sanft. Falsettgesänge erzählen im Titelstück von Inner-City-Armut. Rock mit Haltung.

Chicago: "V"

Der frickelige Freejazz der Großformation aus Illinois wird auf ihrer ersten Nummer- 1-Platte in den Billboard-Charts (1972) durch herrlich smoothe Bläsersätze gedämpft. Peter Cetera, der die Gruppe bald darauf verlassen sollte, spielt Wah-Wah-Bass, der Hit „Saturday in the Park“ lässt sich mitschunkeln.

Boz Scaggs: "Silk Degrees"

Der Sänger aus Texas hatte, unterstützt von Duane Allman, mit Soul angefangen. Jetzt kommt er mit seinem einzigen Hitalbum (1976) der Formel des perfekten Pop sehr nahe. Zu elegischen Streichern wird die Melancholie des Erwachsenseins beklagt: „We’re all alone.“ Rita Coolidge hatte mit der Nummer dann einen noch größeren Erfolg.

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