Philharmonie : Weltgewicht

Nach der Ankündigung des kurzfristig nach Berlin verlegten Konzerts mit dem West-Eastern Divan Orchestra herrscht Unruhe im Saal. Krieg in Israel, es sind unruhige Zeiten. Daniel Barenboim wirkt angefasst an diesem Abend in der Philharmonie, und mit ihm die Musik.

Christiane Peitz

Berlin Ein Flackern liegt in der Luft, eine irrlichternde Spannung elektrisiert das Spiel der Staatskapelle. Überdosis Gegenwart. Elliott Carters „Allegro scorrevole“, dem zwei Gedichtzeilen über die „Natur des Windes“ und eine „Blume der Luft“ zugrunde liegen, beschert einen Luftangriff aus der Ferne. Eine Schlacht in Aquarellfarben, versprengte Klangbataillone, zackige, gezauste Gestalten. Barenboim fasst den Stab mit beiden Händen, teilt Schläge aus, desertiert gleich wieder – ähnlich wird er am Ende des Abends Ravels „Rhapsodie espagnole“ intonieren: als Rausch und Rage, als Tanz auf dem Vulkan mit gestopfter Trompete. Zum Schluss von Carters Allegro bohrt sich die schrille Einsamkeit der Piccoloflöte in die Totenstille: Manifest einer wunden Seele.

Die Nervosität setzt sich fort in Schumanns a-Moll-Klavierkonzert. Maurizio Pollini am Flügel lässt die Unruhegeister derart tanzen, dass man sich beinahe stört an verstolperten Läufen und voreilig gelösten Spannungsbögen. Aber das Rhapsodische ist dem Werk und seiner bröselnden, immer wieder zusammenstürzenden Form ja ohnehin eigen. Bloß weg hier, bloß weiter: Pollinis Kadenztrillern, diesem Nachbeben des Unbehagens, folgt ein sehr hurtiger Marsch. Und Barenboim kittet nichts, befriedet nichts und trägt erst im Andantino den berühmten seidenmatten Staatskapellen-Glanz auf, Balsam für versehrte Gemüter. Ein behutsames, eindringliches Zwiegespräch, Luftschloss der Wohlgesonnenheit.

Klar, Musik ist nicht Politik, und ein Marschrhythmus illustriert noch lange keinen Nahost krieg. Aber manchmal wird das Ritual Klassikkonzert derart von den Aktualitäten heimgesucht, dass selbst das Unzulängliche (Barenboims gelegentliche Unkonzentriertheit) eine ergreifende Intensität gewinnt.

Nach der Pause verliert auch der Märchenton von Ravels Orchestersuite „Ma mère l’oye“ seine Unschuld. Hier waltet kein schnöder Eskapismus, hier endet jede Trance-Inselflucht, jede Selbstvergessenheit an den Grenzen der Realität. Die Staatskapelle zaubert wahre Kleinode von in Dissonanzen eingefassten Harmonien, hauchfeine, traumschöne Vergeblichkeiten. Das Gewicht der Welt, für einmal aufgehoben. Im Feengarten kündet das Jagdhorn vom Märchenprinzen einer besseren Zukunft: ein Bangen, ein Flehen, ein Hoffnungsgebet.

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