Philosophie und Suizid : Das Für und das Wider

Die Kunst des selbstgewählten Sterbens ist fragwürdiger denn je. Eine Zeitschriftenkolumne

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Alarmstufe Rot. Hier bitte nur im Notfall drücken.
Alarmstufe Rot. Hier bitte nur im Notfall drücken.Foto: imago/blickwinkel

In den Meeren des philosophischen Räsonierens wirkt der Eingangssatz von Albert Camus’ Schrift „Der Mythos von Sisyphos“ wie ein Anker: „Es gibt nur ein ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.“ Dabei ist er nicht viel mehr als der zweifelhafte Haken, an den Camus seine Leser nimmt. Selbst wenn sich der Suizid als Grundproblem ausmachen ließe, würde sich dahinter ein ganzer Rattenschwanz ethischer Fragen verbergen, die sich im Zeitalter von Hospiz und Sterbehilfe differenzierter stellen denn je. Als spätpubertärer Sinnsucher verfängt man sich aber leicht im existenzialistischen Kitzel des Satzes, der einen zur sofortigen Bilanz aufzufordern scheint. Camus selbst war noch keine 30 Jahre alt, als er damit Furore machte.

Der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos und vier seiner Schulkameraden begegneten ihm in der Klasse II ihres Humanistischen Zweigs. „Neben Latein“, schreibt er in seinem Essay „Die dichte Welt“, einem Höhepunkt des jüngsten Hefts von „Sinn und Form“ (2017 / 5, 11 €), „war der Selbstmord die große Herausforderung dieses vorletzten Herbsts im Gymnasium.“ Um das Schachbrett in der Bibliothek versammelt, redeten sie sich die Köpfe heiß, mit welchen Argumenten man für und gegen den Suizid votieren könne. Die Abstimmung am Ende ging unentschieden aus. Denn einer mochte sich nicht festlegen. Es war J., derjenige, der sich später das Leben nahm.

Dieser J. ist das opake Zentrum des Textes, zusammengesetzt aus den wenigen Details, die Fioretos in Erinnerung geblieben waren, nachdem ihn die Todesnachricht erreicht hatte. Ein Sprachengenie, das sich gegen die Erwartung seiner Lehrer als Erwachsener dem Operngesang widmete, und den jungen Aris in seine konsonantenstarrende Privatsprache, das Jesperanto, einweihte. Eine Basketballniete, die sich lieber abseits des Spielfelds ungelenk an der Sprossenwand ertüchtigte. Ein manischer Selbstkorrigierer, der alles Geschriebene mit Kringeln übermalte, um im Kugelschreiberdickicht kaum noch Platz für das Endgültige zu finden. Und jemand, der an den banalsten Alltäglichkeiten zwischen Wetter und Kantinenessen zu ersticken drohte und dabei auf eine Camus-Formulierung verwies, die keiner der anderen entdecken konnte: die Dichte der Welt.

Zwischen Pathologie und klarem Bewusstsein

Wie Fioretos aus Winzigkeiten eine Sinnhaftigkeit konstruiert, die für J. in einer undurchdringlichen Sinnverweigerung bestand, ist ein hoch reflektiertes Stück Literatur, das J. zugleich nicht der Logik einer Zwangsläufigkeit unterwirft. Niemand weiß, ob er Jahrzehnte später eine Abwägung traf, die den Argumenten entsprach, die er einst mit seinen Mitschülern ausgetauscht hatte, oder ob er einer psychischen Verdunklung folgte, die ihm keine Wahl ließ. Pathologie und klares Bewusstsein lassen sich ohnehin schwer unterscheiden, auch wenn einem die Erfahrung suggeriert, dass es Menschen gibt, denen man den Suizid schon immer zugetraut hätte – und solche, von denen man ihn nie erwartet hätte.

„Das moralische Problem der Selbsttötung“, wie es der deutsche Philosoph Paul Ludwig Landsberg, ein Schüler von Max Scheler, in einem brillanten, erstmals vollständig aus dem Französischen übersetzten und nun bei Matthes & Seitz erschienenen Schlüsseltext 1942 erörterte, ist der Vernunft durchaus zugänglich und dadurch sogar in der Lage, christliche Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. Landsberg selbst war 1933 mit Zyankali ins Exil gegangen, wie Herausgeber Eduard Zwierlein anmerkt. Der Auslöser für die Frage nach der Legitimität eines Suizids war aber derjenige der Mutter, die ihrem Sohn 1938 nicht nach Paris folgen durfte. Ihm selbst wurde jede Entscheidung aus der Hand genommen, als er 1944 tuberkulosekrank und halb verhungert in der Baracke des KZ Oranienburg starb.

Einen kulturwissenschaftlichen Blick unternimmt Thomas Macho in seinem neuen Buch „Das Leben nehmen“ (Suhrkamp). Der Suizid ist gewiss nicht die „Quintessenz der Moderne“, wie er eingangs Walter Benjamin zitiert, der sich auf der Flucht vor der Gestapo mit Morphium vergiftete. Aber er fordert mehr denn je ein Denken über individuelle und politische Konstellationen hinaus.

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