Kultur : Pianist Marc Copland: Ruhe vor dem Ton

Johannes Voelz

Marc Copland legt den Kopf schief. Er schließt die Augen und beugt sich tief über die Tastatur des Flügels. Seine linke Hand schlägt sachte einen Dreiklang an, sein Fuß drückt das Pedal. Dann passiert ein paar Sekunden gar nichts. Nur Marc Coplands Kopf, der senkt sich noch tiefer in die Tasten, als wolle er den nächsten Ton mit seinem Ohrläppchen spielen. Was auf den ersten Blick aussieht, als würde hier einer maßlos ins Schwelgen geraten, ist ein Akt gespannter Konzentration. Eine manierierte Gestik, so wirkt es, in Wahrheit aber viel einfacher: Marc Copland lauscht.

Für den 53-Jährigen ist das entscheidend. Egal, ob er mit Jochen Rückert und Drew Gress, den gegenwärtigen Partnern seines Trios, auftritt oder mit dem Gitarristen John Abercrombie und dem Trompeter Kenny Wheeler: Man sieht Marc Copland seinen Schwebezustand zwischen Aufmerksamkeit und Versunkenheit an, ein Lauschen nach Innen und nach Außen zugleich.

Ohne Theorie

Genau so hat er die Musik auch kennengelernt. In seiner Kindheit in Philadelphia spielte er Saxofon in der Big Band der Schule, doch zu Hause setzte er sich an den Flügel, stundenlang. Er muss damals ganz ähnlich ausgesehen haben wie heute, Kopf schief, Augen zu: "Ich spielte viele verschiedene Akkorde übereinander. Ich besaß keine Kenntnis von der Theorie, aber es klang so gut. Mit Pedal klang es sogar noch besser. Ich hörte stundenlang den Obertönen zu, die erklangen, obwohl ich sie doch gar nicht gespielt hatte." So wie er am Flügel sitzt, so spricht Marc Copland auch. Seine Hände liegen gefaltet auf dem Tisch und bevor er antwortet, starrt er zwischen seinen Armen hindurch auf den Boden. Manchmal minutenlang. Als wisse er schon genau, wie die Antwort klingen muss, nur die Worte wollen nicht so recht passen. Und wenn er dann etwas sagt, dann so leise, dass man ihn kaum hören kann.

Eigentlich verwundert es, dass Marc Copland mit "Haunted Heart" erst jetzt ein Album veröffentlicht, auf dem er ausschließlich Balladen spielt. Denn für eine lange Zeit waren langsame Stücke das Einzige, was er auf dem Klavier spielte. Das war in den späten siebziger Jahren, nachdem Copland in New York bereits eine vielversprechende Karriere als Altsaxofonist begonnen hatte. Immer unzufriedener wurde er damals mit seinem Instrument: "Seit ich als Kind am Klavier saß, hatte ich eine genaue Vorstellung von den Klängen, die ich spielen wollte. Ich glaubte, wenn ich nur gut genug Saxofon spielen lernte, könnte ich diese Ideen ausdrücken. Aber das Horn verzerrte alles."

"Ich musste ganz von vorne beginnen"

Also verließ er New York, zog sich in seine Heimatstadt zurück und wurde Pianist. Zehn Jahre lang übte er zu Hause, spielte ausschließlich Balladen und kramte in seinem Kopf nach idealen Harmonien. Als er dann beschloss, sich in New York erneut durchzusetzen, enttäuschten ihn viele seiner ehemaligen Partner. "Ich musste ganz von vorne beginnen. Mit einigen Ausnahmen, etwa John Abercrombie, war keiner meiner alten Kollegen mehr an mir interessiert." Dafür begeisterten sich andere für sein Klavierspiel. Zu seinem Trio gehörte für einige Jahre der Bassist Gary Peacock, der auch mithalf, Keith Jarretts Standard-Trio berühmt zu machen. Auch namhafte Saxofonisten und Trompeter wie Joe Lovano, Randy und Michael Brecker haben auf Coplands Alben mitgewirkt. Doch trotz seines ausgezeichneten Rufs unter Musikern ist ihm der große Durchbruch bislang nicht gelungen. Vielleicht hatte er einfach nur Pech: Er unterschrieb einen Exklusivvertrag mit Savoy, einst ein renommiertes Label. Doch inzwischen, nachdem es von einer Firma zur nächsten weitergereicht wurde, erweist sich das für Marc Copland als Karriere-Bremse.

Zwar ist sein Vertrag dort mittlerweile ausgelaufen, doch das Geschäft mit den großen Plattenfirmen haben ihm längst die jungen Klavierstars wie Brad Mehldau weggeschnappt. So bleibt Copland nichts anderes übrig, als für europäische Independent-Labels aufzunehmen, bei denen schon der Vertrieb Probleme bereitet.

Schäfchenwolken-Jazz

Auch die neue Platte "Haunted Heart" ist bei einer solchen Kleinstfirma, dem Schweizer Label Hat Hut, erschienen. Die Musik: 65 Minuten Schäfchenwolken-an blauem-Himmel-Jazz. Von "Greensleeves" bis Stings "When We Dance", das Trio malt ein Bild vom Paradies. Anders als bei vielen Balladenplatten beginnt diese Musik nicht, den Zuhörer auf Dauer einzuschläfern. Denn unter der lyrischen Oberfläche verbirgt sich eine harmonische Waghalsigkeit, die viel weiter geht als bei anderen Klavierstilisten wie Bill Evans und Keith Jarrett. Das zeigen auch die drei Soloversionen von "My Favorite Things", die die Platte umrahmen. Copland braucht keine langen Improvisationen, er nimmt sich nur die Melodie vor: gönnt ihr neue Harmonien, findet spontan Arrangements und schafft so drei Skizzen, die sich immer weiter von der Vorgabe entfernen. Nimmt man sich Zeit für diese Musik, man wird sich dabei ertappen, wie man langsam den Kopf schief legt, die Augen schließt - und selbst zu lauschen beginnt.

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