Pinscher, Ratten, Ratgeber : Dietz Bering über die "Epoche der Intellektuellen"

In der überarbeiteten Version des Erfolgsbuches setzt sich der Autor mit der Rolle der Intellektuellen im Lauf der Jahrhunderte auseinander.

Hannes Schwenger

Es passt, dass Dietz Bering sein aktualisiertes Standardwerk zur Begriffsgeschichte der Intellektuellen mit einem „Hieb- und Stichverzeichnis“ und einem „Gegen-Schlagwortverzeichnis“ versehen hat. Es handelt schließlich vom Hauen und Stechen um einen Begriff, den die einen für einen Ehrentitel, die anderen für ein Schimpfwort wie Pinscher, Ratten und Schmeißfliegen halten. Auch das Hauen und Stechen ist wörtlich zu nehmen, nachdem Adolf Hitler erwog, man könnte sie „ja eines Tages, ja ich weiß nicht, ausrotten oder so was“, wenn sie nicht noch gebraucht würden. Aber auch Stalin ließ die verhassten Parteiintellektuellen Bucharin und Trotzki hinrichten. Den Boden dafür hatten schon Lenins Ausfälle gegen das „Intellektuellentum“ und Clara Zetkins These bereitet, „große Intellektuellenschichten“ seien „nicht nur in allen Ländern die Träger des Faschismus, sondern Intellektuelle sind auch zumeist die Schöpfer seiner Ideologie“. Da dies Trotzki als Vordenker des Kommunismus kaum treffen konnte, denunzierte ihn die Zeitschrift der Komintern als „Typus des mit der Arbeiterklasse nicht verschmolzenen Intellektuellen“. Umso verständlicher ist die schon 1931 geäußerte Warnung des parteilosen Linken Kurt Tucholsky vor dem „törichten Schimpfwort ,Intellektueller’, das die Kommunisten aufgebracht haben“.

Doch da irrte Tucholsky zumindest teilweise, nachdem schon der Sozialdemokrat August Bebel 1903 seine Genossen mahnte, sich vom festen Klassenstandpunkt aus jeden Genossen genau anzusehen, „aber wenn er ein Akademiker ist oder ein Intellektueller, dann seht ihn Euch doppelt und dreifach an“. Da waren die Zeiten weit entfernt, in denen SPD- Kanzler Intellektuelle doppelt und dreifach – Günter Grass, Reinhard Lettau, Heinrich Böll – als Ratgeber beriefen.

In Frankreich galt der Rang eines Intellektuellen seit Zolas „J’accuse“ und dem Manifest der 102 Intellektuellen in der Dreyfus-Affäre 1898 – als Ehrentitel für die Meister des öffentlichen Worts, die mit ihrer Intervention für Wahrheit, Recht und Menschenrechte die Grundwerte der Demokratie verteidigt hatten. Ihr Nimbus – von Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre über ein Jahrhundert weitergetragen – überstrahlte eine ganze „Epoche der Intellektuellen 1898-2001“, wie Dietz Bering die Überarbeitung seines Erfolgsbuchs von 1973 aufwertet. Bering lässt dazu das Echo deutscher Intellektueller erklingen, das von einer „Intellektuellendämmerung“ tönt und vom Verstummen, Verschwinden und Untergehen der „repräsentativen“ Intellektuellen in der Mediengesellschaft handelt.

In Deutschland hat ihre Epoche, folgt man Bering, sogar nur ein halbes Jahrhundert gedauert, denn die Intellektuellen der Weimarer Republik hätten die Position ihrer Kollegen im republikanischen Frankreich nie erreicht und sich weitgehend auf eine Verteidigung des „Geistigen“ zurückgezogen. Einzig Heinrich Mann habe die Position des Intellektuellen energisch verteidigt – sogar gegen seinen Bruder Thomas, der das böse Wort von den „Zivilisationsliteraten“ in die Welt gesetzt hatte, bevor ihn die Nazis als solchen ins Exil zwangen. Es seien erst die Intellektuellen der jungen Bundesrepublik – um die Zeitschriften „Der Ruf“, „Der Monat“ und „Frankfurter Hefte“, die „Frankfurter Schule“ Adornos und seiner Schüler und schließlich die Gruppe 47 – gewesen, die sich als solche bekannt und ihren öffentlichen Ort gefunden hätten. Bering erinnert an den Berliner Kongreß für Kulturelle Freiheit, an die Notstandsproteste und an die „Spiegel“-Affäre als Stationen auf diesem Weg, während er die Studentenbewegung von 1968 und ihre Nachfolger zwischen kritischer Aufklärung und parteimarxistischer Intellektuellenfeindschaft schwanken sieht.

Bering lässt auch die deutsche anti-intellektuelle Polemik von Helmut Schelsky („Die Arbeit tun die anderen“) über Kurt Sontheimer („Das Elend unserer Intellektuellen“) bis zu Frank Schirrmacher und Joachim Fest Revue passieren. Am Ende verschwimmen alle Definitionsversuche zu einem Wirbel „Begriffskonfetti“ (Bering), der selbst einen Philosophen in Verlegenheit bringen kann: Als Peter Sloterdijk 2004 gefragt wird, ob es die Aufgabe der Intellektuellen sei, die Demokratie an ihre eigenen Wurzeln zu erinnern, antwortet er: „Im Grunde schon, aber die Intellektuellen wissen selber nicht mehr so genau, wo die Wurzeln liegen.“ Sein Buch, verspricht Bering, „will Abhilfe schaffen“.

Das gelingt ihm mit seinem historischen Aufriss. Ob es ihm auch mit seinem eigenen Rettungsversuch – einer Neufundierung des Intellektuellen durch das Glaubenspostulat der Menschenwürde nach Art unserer Verfassung – gelingt? Und wäre das dann mehr als eine neue Vernunftreligion?

Dietz Bering: Die Epoche der Intellektuellen 1898-2001. Geburt, Begriff, Grabmal. Berlin University Press 2010, 756 Seiten, 49,90 Euro.

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