Kultur : Planet der Laffen

Silvia Hallensleben

Der Sommer war sehr groß, das wissen wir, doch vorbei ist er leider auch. Am sichersten erkennt der Cineast die nahenden dunklen Tage an den frühschläferfreundlicheren Anfangszeiten mancher Freiluftkinoveranstaltungen. Würdig begeht den Saisonabschied das Freiluftkino Kreuzberg, wo fast zur sonntäglichen Tatortzeit King Kong , das Original von 1933, zum Wiedersehen lockt. Die zivilisationskritische Parabel von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack spielte schon bald nach der New Yorker Premiere ihre stattlichen Produktionskosten mehrfach ein und inspirierte ansehnliche Nachahmungen und Kopien – bis zu Peter Jacksons augenzwinkender Megaadaption letztes Jahr. Am lebendigsten aber ist bis heute das Original. Auch die Botschaft – mit ihren Projektionen vom gefährlich faszinierenden Fremden – traf weit über den Zeitgeist mitten ins Herz der gewinnsüchtigen Moderne.

Als Sehnsuchtsort für deren eher spirituelle Variante steht spätestens seit Hermann Hesses „Siddharta“ Indien ganz oben auf der Bestenliste. Als Inspirations- und Bilderquelle in Sachen Lebenssinn, Sinnlichkeit und Intensität kam das Land nie aus der Mode, demnächst rückt die Frankfurter Buchmesse es in den Mittelpunkt. Einen kritischen Einstieg bietet das von der Werkleitz-Gesellschaft kuratierte Programm Moving Spirits , das am Sonnabend im Arsenal mit drei aktuellen Kurzfilmen („Shanti plus“ von Urmi Juvekar und Dorothee Wenner, „India in Mind“ von Merle Kröger und Philip Scheffner , „A Spiritual Journey“ von Peter Zorn) und einer Installation die Glaubenswelten von Indiensuchern befragt – eine hoffentlich erleuchtende Alternative zu den üblichen Filmkunstschwelgereien mit Farborgien und pittoresk herumwuselnden Menschenmassen.

Mit nationalen Klischeebildern spielt auch der Club der polnischen Versager in der Torstraße, der gemäß seinem Kleinen Manifest (www.polnischeversager.de) dem „Terror der Vollkommenheit“ die schöpferischen Bemühungen allseits missachteter Minderleister entgegensetzen will. Passend ist im mittwöchlichen „polski film“-Abend ein Stummfilm zu sehen, der die Folgen übergroßen Leistungswillens düster illustriert. Mocny czlowiek (Ein starker Mann, 1929) von dem 1942 in Warschau von der Gestapo erschossenen Regisseur Henryk Szaro ist einer der wenigen noch erhaltenen polnischen Stummfilme. Auch hier geht es um Raffgier und Unschuld, Mann und Frau, die Liebe und den Tod. Der Autor der 1912 erschienenen Romanvorlage, Stanislaw Przybyszewski, lebte viele Jahre in Berlin, bevor er zum Gründer der Literaturbewegung des Jungen Polen wurde. Wegen seiner Schrift über die „Gnosis des Bösen“ genießt er heute vor allem in Satanistenkreisen einen Ruf.

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