Kultur : Plattes Land

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mit Rüdiger Schaper

Kurz, brutal und im europäischen Vergleich reichlich verspätet – das war die Kolonialgeschichte des Deutschen Reichs. Aber noch heute, ein Jahrhundert danach, spricht in Namibia ein Drittel der Bevölkerung die Sprache von Kaiser Wilhelm, Richard Wagner und Christoph Schlingensief. Der war im vergangenen Herbst im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika und drehte in den Slums von Lüderitz einen Film, „The African Twin Towers“. Das Werk wurde Teil des Schlingensief’schen „Animatographen“, einer Art begehbarer VideoSkulptur, die zuletzt im Wiener Burgtheater stand und den Heiligen Gral mit Kolonialverbrechen und dem 11. September verbindet.

Deutsche Leit- und Leidkultur ist im Südwesten Afrikas immer gern gesehen. Nicht nur der Schamane Schlingensief: Man feiert in Namibia richtig Karneval, mit Prinzenpaar, Umzug und vielsprachigen Büttenreden. Die närrische Jahreszeit ist im August, denn die karnevalistischen Entwicklungshelfer aus Deutschland haben sonst keine Zeit für die weite Reise. Und der Schlachtruf heißt dort nicht „Helau“ oder „Alaaf“, sondern „Tsumka“! Diesen Sommer kommen erstmals auch prominente Gäste aus Hamburg. Das Ohnsorg-Theater spielt in Windhoek und Swakopmund „Das Hörrohr“, eine plattdeutsche Familiengeschichte um einen schwerhörigen alten Bauern und erbschleicherische Intrigen. Heia Safari! Und schön zu wissen, dass die Globalisierung auch ein plattdeutsches Gesicht haben kann. Das macht sich besser als wilhelminisch.

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