Kultur : Platzhirsche und Kosmopoliten

Köln versenkt die Oper – und gründet mit Berliner Hilfe eine „Akademie für die Künste der Welt“.

Regina Wyrwoll
Der tiefe Fall am Rhein. Kölns Opernhaus hat sich unter Intendant Laufenberg gut entwickelt. Doch ein Finanzstreit eskalierte, und Laufenberg wurde entlassen. Foto: dpa
Der tiefe Fall am Rhein. Kölns Opernhaus hat sich unter Intendant Laufenberg gut entwickelt. Doch ein Finanzstreit eskalierte, und...Foto: picture alliance / dpa

Während die Stadt Köln am letzten Donnerstag nach großem Getöse ihrem erfolgreichen Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg fristlos den Laufpass gab, stellte Oberbürgermeister Jürgen Roters eine neue Institution der Öffentlichkeit vor, die „Akademie für die Künste der Welt“. So kann Kölner Kulturpolitik sein. Hier großer Showdown, dort ein „Neubeginn durch bürgerschaftliches Engagement“, wie einer der Initiatoren der Akademie, der Schriftsteller Navid Kermani, die Gründung mit Genugtuung bezeichnet, geht sie doch auf eine Initiative Kölner Künstler zurück.

Beginnen wir mit dem Getöse: Der öffentlich geführte, unwürdige Opernstreit fand nun sein vorläufiges Ende. Die Auseinandersetzungen über die finanzielle Ausstattung der Oper waren schon seit Monaten aus dem Ruder gelaufen. Der wachsende Kontrollverlust wurde begleitet von einer hochemotionalen Debatte von Opernfreunden, die um die Qualität des gerade neu erstarkten Hauses fürchteten. Eine Mediation durch den Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, brachte zwar etwas Licht ins Dunkel: dass die nächste Spielzeit durchaus nicht abgesagt werden muss, wie Laufenberg gedroht hatte, und dass ein Ensemblebetrieb weniger teuer ist als das in Köln inzwischen auch praktizierte Stagione. Vergebens. Elke Heidenreich, selbst Verfasserin dramatischer Opernlibrettos, forderte in einem Leserbrief den Showdown: Held Laufenberg sollte bleiben, Kulturdezernent Georg Quander dagegen schleunigst abtreten. Derart munitioniert wagte der Intendant dann das finale Zeitungsinterview, in dem er sich als Opfer einer Intrige darstellte, der Verwaltung Unfähigkeit und Unverantwortlichkeit vorwarf – und diese Worte pikant in seiner Entschuldigung öffentlich wiederholte.

Es geht um Geld und um die Frage, wie viel die Verträge mit Spitzenpersonal im öffentlichen Kulturbetrieb wert sind, in denen sich neuerdings Intendanten gegen Kürzungen durch finanzielle Krisen der Städte zu schützen suchen. Am Rande bemerkt: Düsseldorf, obwohl noch schuldenfrei, hat kürzlich seinem neuen Schauspielintendanten Staffan Waldemar Holm im laufenden Betrieb eine Kürzung von rund 800 000 Euro verordnet. Öffentliche Kulturbetriebe gehören letzten Endes allen Steuerzahlern. Eine Teilhabe am öffentlichen Leben heißt bisher jedenfalls noch, auch dessen Lasten mit zu schultern, selbst wenn dies in der Spielplanplanung oft zu großen Problemen führt.

Dies ist der Kern des Kölner Krachs. Schauspielchefin Karin Beier reagierte auf die finanzielle Krise der Stadt mit Bedauern, aber konsequent durch entsprechende Kürzungen des Spielplans für die kommende Saison. Kollege Laufenberg, mit der schwierigeren Opernplanung betraut, bestand hartnäckig auf fest zugesicherten zwei Millionen Euro plus. Der Kollateralschaden dieses Opernstreites ist kolossal. Nicht nur steht die Oper, die wegen der Restaurierung ihres Stammhauses auf Übergangsspielstätten ausweichen muss, auf unabsehbare Zeit ohne Intendanten da, auch ist die Stimmung in der Stadt erheblich gesunken. Insbesondere freie Initiativen sahen sich durch den Haushaltsvorbehalt existenziell bedroht, denn die Probleme der Landesregierung knebeln auch die städtischen Haushalte. Das bleibt nicht ohne Resonanz: Markus Stenz, Chef des Gürzenich Orchesters, mag seinen 2014 auslaufenden Vertrag nicht verlängern und wird nach zehn Jahren anderswo neue Herausforderungen suchen. Andreas Blühm, Direktor des Wallraff-Richartz Museum & Fondation Corbud, hatte schon vor einem Monat verkündet, die Stadt in Richtung Groningen verlassen zu wollen.

Am Freitag wurde endlich der Kölner Kulturhaushalt 2012 verabschiedet – mit einigen positiven Überraschungen. So konnte der Intendant der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort, sein vor zwei Jahren gegründetes jährliches Festival für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts „Acht Brücken“ für drei Jahre absichern. Das ebenfalls neu gegründete Zentrum für Alte Musik wird sich über Geld freuen können wie auch andere Initiativen, darunter die c/o pop, erfolgreiche Nachfolgerin der nach Berlin abgewanderten Popkomm. Diese Mehrausgaben werden aus der sogenannten Kulturförderabgabe, der Hotelbettensteuer, finanziert, die auch die nun vollzogene Gründung der „Akademie für die Künste der Welt“ ermöglicht hat.

Mit ihrer Gründung findet ein bemerkenswerter Langstreckenlauf sein Ende. 2007 entwickelte Navid Kermani, permanent fellow am Berliner Haus der Kulturen der Welt, zusammen mit dessen Leiter Bernd Scherer die Idee einer Dependance des HKW in Köln. Sie konnten die Kölner Stadtspitze zumindest von der Notwendigkeit einer internationalen Einrichtung in Köln überzeugen. Rund 35 Prozent der Kölner Bürger haben eine migrantische Herkunft. Seit 2008 existiert die Akademie konzeptionell auf dem Papier, entwickelt von einem Initiativkreis von Künstlern, Philosophen und Publizisten. Organisiert von der designierten Generalsekretärin Sigrid Gareis mit einer kleinen Geschäftsstelle, aber einem Etat von rund einer Million Euro ausgestattet, werden sich ab Herbst mehrfach im Jahr bis zu 40 Mitglieder vorwiegend aus nichteuropäischen Ländern treffen. Diese laden Langzeit-Stipendiaten ihrer Wahl nach Köln ein.

Unter den ersten vorgestellten Akademiemitgliedern gehört der Chinese Liao Yiwu, Träger des Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2012, zur Zeit Stipendiat des DAAD in Berlin. Weitere Mitglieder sind die indische Filmemacherin Madhusree Dutta, auf der letzten Berlinale mit dem Projekt „Cinema City“ vertreten, Walid Raad, libanesischer Künstler, der dieses Jahr zum zweiten Mal an der Documenta teilnimmt, der Samoaner Lemi Ponifasio, der zur diesjährigen Ruhrtriennale eine Choreografie beisteuert, die Israelin Galit Eilat, die Regisseurin Monika Gintersdorfer, der Berliner Publizist Tom Holert, die australische Komponistin Liza Lim, der kongolesische Choreograf Faustin Linyekula, der schweizerische Kurator Hans Ulrich Obrist, der brasilianische Musiker Tom Zé, sowie als Kölner die Künstlerin Rosemarie Trockel, der Schriftsteller und Übersetzer Stefan Weidner und der iranische Filmemacher Ali Samadi Ahadi. Oberbürgermeister Roters meinte bei der Vorstellung: „Diese Neugründung ist ein Risiko, aber auch eine Riesenchance für Köln.“

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