Kultur : Platzverweis

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf

will sitzen, wo er will

Und da war es mal wieder so weit: Bei einer der notorisch schlecht besuchten Gastveranstaltungen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt teilten die Platzanweiser dem verblüfften Publikum mit, dass man die Ränge gesperrt habe – wer eine Rangkarte besäße, möge sich doch bitte ins Parkett verziehen. Damit der optische Eindruck für die Künstler nicht ganz so niederschmetternd sei. Die Besucher protestierten – zwar erfolglos, aber natürlich zu Recht. Denn ein Platz im KonzerthausParkett ist akustisch wesentlich schlechter als auf dem Rang, und wer eine Konzertkarte im Voraus ersteht, tut das schließlich auch, um auf dem Platz seiner Wahl zu sitzen. Mal ganz abgesehen davon, dass der Hinweis, die Karte zurückzugeben, wenn man nicht im Parkett sitzen wolle, die Lust nicht gerade schürt, bald wieder ins Konzerthaus zu gehen.

Im Normalfall merkt man erst zu spät, dass man sich die falsche Karte gekauft hat. Wer austesten will, von welchem Platz aus er am besten hört und sieht, hat dazu am Sonntag ab 10 Uhr die beste Gelegenheit. Am jährlichen Tag der offenen Tür darf man in allen Sälen ausgiebig herumkraxeln und auch den neuen Werner-Otto-Saal inspizieren. Wem die Probierhäppchen und Werkausschnitte nicht reichen, der kann den Tag am gleichen Ort übrigens mit dem Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin beschließen. Der junge rumänische Dirigent und ehemalige Abbado-Assistent Ion Marin, der in den Neunzigerjahren eine Kurzkarriere bei der Deutschen Grammophon absolvierte, hat sich mit Mendelssohns „Italienischer“, Respighis „Pini di Roma“ und Nino Rotas Posaunenkonzert ein Programm ausgesucht, das zu den sommerlichen Temperaturen passt. Und wenn man etwas Glück hat, bekommt man auch den Platz, den man haben will.

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