Kultur : Playback

Ulrich Amling

Dokumentarfilmer Sven Düfer muss sehr, sehr charmant sein. Oder warum sonst wirft Milva - eine bezwingende Interpretin der Lieder Kurt Weills - für ihn ihre Schuhe durch die Räume des Schlosses zu Dessau? Dazu eiert ein Playback durch die herzöglichen Gemächer, wo der junge Weill einst adlige Sprösslinge unterrichtete. Dann blinzeln zwei Musiker trübe in die Kamera. Ja, da will man nur noch wegschauen.

Leider hat Düfer sein Komponisten-Porträt mit hilflosen Versuchen gespickt, Musikvideos für Weill-Songs zu arrangieren. Kein Dok-Filmer muss das Clip-Genre beherrschen - doch Düfer macht, was er einfach nicht kann. Das Orwo-Filmmaterial krisselt auratisch, über Udo Lindenbergs Bauch spannt das Nadelstreifen-Jackett, und an der Tür des ehemaligen Lenya-Weill-Domizils Pension Hassfort öffnet ein typisch Berliner Goldkettchenträger.

Durch diese Schnipsel zwischen gestern und heute führt tapfer stapfend Weill-Biograf Jürgen Schebera. Für seinen trockenen Stil unter Lesern gefürchtet, entfalten seine knappen Kommentare im Film knarzigen Humor. Doch wer war Weill, dieser kleine Mann hinter den starken Brillengläsern? Zeitzeugen tauchen auf, ohne dass ihr Verhältnis zum New Yorker Exilanten deutlich würde. Die Tonspur kreist immer wieder um die "Dreigroschenoper", vom Revolutionär des Musical Theatre dagegen hört man zu wenig.

Immerhin ein Kantor dann berührt mit seiner Aussage über Weill. In seinen Händen hält er die Noten, die der Komponist für den Chor der Synagoge schrieb. "Swing it" hat ein Sänger draufgeschrieben. Der Kantor schüttelt den Kopf. Nein, sagt er, das ist kein Gershwin. Er spielt die Melodie am Klavier - und da setzen sie sich zusammen, die Klänge der Jugend, die Ton-Schätze der Synagoge von Dessau. Kein Wort Deutsch sprach Weill in den USA. Er starb, erschöpft, als Amerikaner.

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