Kultur : Playgirl im Feindgebiet

Michael Jürgs hat das Leben der britischen Spionin Nancy Wake aufgeschrieben.

Erardo Rautenberg

Das merkantile Interesse an einem möglichst großen Bekanntheitsgrad der Personen, deren Leben er aufschreibt, ist für Michael Jürgs offensichtlich nicht entscheidend. Sein Interesse gilt vielmehr deren „wahrer Geschichte“. Das erklärt, dass dieser hervorragende Sachbuchautor 2007 das Leben der Künstlerin Eva Hesse und nun das von Nancy Wake niedergeschrieben hat, obwohl mit deren Namen in Deutschland vermutlich nur wenige eine konkrete Vorstellung verbinden werden.

Dabei war die im August 2011 verstorbene Wake eine der erfolgreichsten britischen Agentinnen der Special Operations Executive (SOE). Die erst im Krieg geschaffene und von den etablierten Geheimdiensten misstrauisch beäugte Organisation führte ab 1940 im Auftrag Winston Churchills den „Schattenkrieg“ im Untergrund in Frankreich, um die Franzosen nach dem Schock der Niederlage zum Widerstand zu animieren. Die 1912 in Neuseeland geborene Wake, die sich in ihrem Leben immer wieder am Rand des Existenzminimums bewegte, hatte es 1932 nach Frankreich verschlagen, wo sie zunächst für eine amerikanische Nachrichtenagentur als Journalistin arbeitete. Sie war auffallend hübsch, wurde wegen ihrer erotischen Ausstrahlung von Männern umschwärmt und bezeichnete sich selbst als „eine Art Playgirl“ – wozu auch eine ungewöhnliche Trinkfestigkeit gehörte, die sie übrigens nicht daran hinderte, 98 Jahre alt zu werden.

Der Alkoholkonsum vermochte ihr lebenslustiges Wesen in eine noch ausgelassenere Stimmung zu versetzen, die oft darüber hinwegtäuschte, dass sie in Wahrheit nie die Kontrolle über sich verlor. Da sie gleichzeitig ihre Aufgaben nervenstark und konzentriert erfüllte, entsprach sie ideal den Anforderungen einer Agentin des SOE im Feindgebiet. Dass sie sich dieser Gefahr aussetzte, lag in dem Hass auf die Nationalsozialisten begründet, die aus ihrer Sicht die Freiheit bedrohten, ohne die es nicht wert war zu leben. Sie überlebte immer wieder ihre gefährlichen Einsätze, den deutschen Besatzern und deren Helfern gelang es nicht, die „Weiße Maus“ zu fangen. Kein Wunder, dass schon die Kenntnis der wichtigsten Stationen ihres Lebensweges zur Legendenbildung verführt und sich ihre Zusammenarbeit mit französischen Widerstandskämpfern als Vorlage für einen Film aufgedrängt hat, der 2001 mit „Die Liebe der Charlotte Gray“ realisiert wurde – mit Cate Blanchett in der Hauptrolle.

Hier setzt Michael Jürgs an und versucht, die Frage zu beantworten, welche Geschichten, die sich um die Agentin Nancy Wake ranken, der Realität entsprechen. Seiner Beschreibung ihres Lebens liegt somit eine Suche nach belegbaren Spuren zugrunde. Der Aufwand, den Jürgs dabei getrieben hat, ist beeindruckend. Doch das Buch ist aus einem weiteren Grund lesenswert: Es schildert differenziert das Verhältnis von Franzosen und Deutschen während der Besatzungszeit. Dass nahezu alle Franzosen Widerstandskämpfer waren, ist längst als Legende entlarvt worden. Doch der Umfang der Kollaboration, wie er in der Beschreibung des Lebens der Nancy Wake dargestellt ist, wird manchen überraschen. Ebenso wie das Spektrum der Kollaboration: Das eine Extrem verkörpern die Begegnungen von französischen Intellektuellen und Künstlern mit dem frankophilen Besatzungssoldaten und Schriftsteller Ernst Jünger, die in dessen Pariser Tagebüchern dokumentiert sind; das andere ist die Beteiligung von Franzosen an der Ermordung der in Frankreich lebenden Juden, wo der Antisemitismus auch eine lange Tradition hat.

Das vermag nicht das von Jürgs ebenfalls geschilderte brutale Vorgehen von SS und Gestapo im besetzten Frankreich zu relativieren, das den Leser noch heute erschaudern lässt und offenbart, wie bewusst sich Nancy Wake in Gefahr begeben hat, um für die Freiheit zu kämpfen. Fünfzehn der fünfzig von der SOE nach Frankreich in den Untergrund geschickten Agentinnen fielen in die Hände der Gestapo oder der Milice Française und nur drei von ihnen überlebten Folter und Konzentrationslager. Diese Spur führt auch nach Brandenburg: Drei Frauen wurden nach vorheriger Schwerstarbeit am Tag und nächtlichen Prügeleien am 27. Januar 1945 im KZ Ravensbrück durch Genickschuss hingerichtet und anschließend verbrannt.

Der Autor ist Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg.



– Michael Jürgs:
Codename Hélène. Churchills Geheimagentin Nancy Wake und ihr Kampf gegen die Gestapo in Frankreich. C.Bertelsmann, München 2012. 320 Seiten, 19,99 Euro.

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