Kultur : Polenz muss gehen: Abteilung Attacke

Jürgen Zurheide

Laurenz Meyer wehrt alle Fragen ab. "Nein, ich werde jetzt nichts sagen", antwortet er ungewohnt einsilbig vor der Tür des CDU-Fraktionssaales im Düsseldorfer Landtag. Reporter wollen dort von ihm hören, was der designierte Nachfolger von Ruprecht Polenz zu sagen hat. Doch der Vizepräsident des nordrhein-westfälischen Landtages gefällt sich in der Rolle des Staatsmannes und redet davon, dass er erst einmal ausführlich mit Angela Merkel sprechen wolle. Und fügt noch schnell hinzu: "Ich bin mit Ruprecht Polenz befreundet." Danach streicht er sich über die braungebrannte Kopfhaut, was er immer tut, wenn er ein wenig Verlegenheit vorspielen möchte.

So hatte er vor einigen Monaten auch reagiert, als er zum ersten Mal für dieses Berliner Parteiamt im Gespräch war. Damals waberten jeden Tag neue Meldungen über schwarze Kassen bei der CDU durch die Republik, und Jürgen Rüttgers stand im Wahlkampf gegen Wolfgang Clement. Laurenz Meyer führte die CDU-Landtagsfraktion und wusste wie viele andere in der Union, dass man mit dieser Hypothek im Gepäck kaum eine Chance haben würde.

Im Hintergrund hatte Meyer kräftig mitgeholfen, Wolfgang Schäuble zum Verzicht auf das höchste Parteiamt zu drängen, und er hatte intern keinen Zweifel daran gelassen, wen er sich als Nachfolger wünschte: Angela Merkel. Geradezu euphorisch wirkte Meyer am Abend der ersten CDU-Regionalkonferenz, nachdem die Basis seine Wunschkandidatin gefeiert hatte und Rüttgers erkennen musste, dass jeder Gedanke an den Parteivorsitz selbst im eigenen Landesverband keine Freude mehr auslöst.

Schon damals dachte Angela Merkel über den großgewachsenen Mann aus Hamm nach, der im Düsseldorfer Landtag in den Monaten zuvor bewiesen hatte, dass er die Register der Abteilung "Attacke" meisterhaft beherrscht. Meyer hatte die allzu lange selbstgefällig regierenden Genossen erst mit einem Untersuchungsausschuss zur Pleite um das Oberhausener Trickfilmzentrum HDO getrieben und zeigte jetzt wenig Respekt vor dem Bundespräsidenten Johannes Rau. "Da muss alles auf den Tisch", verlangte er anlässlich der Debatte um die West LB-Flüge des früheren Ministerpräsidenten und legte dem Staatsoberhaupt mehr als einmal den Rücktritt nahe.

Der Volkswirt und leitende Angestellte des Energieunternehmens VEW galt nicht nur als scharfzüngig und streitbar, er hatte auch ein Karriereproblem, falls die Landtagswahl so ausgehen würde, wie sie ausgegangen ist. Er hatte bei seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres 1999 versprochen, den Platz für Jürgen Rüttgers freizumachen, wenn er nicht Ministerpräsident, sondern Oppositionsführer werden sollte.

Da er mit 52 Jahren etwas zu jung für den Ruhestand ist, tauchte die Frage auf, wie man eine Konfrontation der beiden verhindern konnte und einige Nordrhein-Westfalen brachten ihn schon damals ins Gespräch für das Berliner Amt. Doch Merkel entschied sich für den bedächtigen, fast intellektuellen Polenz und gegen Meyer. Der spürte schnell, dass er in der Fraktion noch viel Rückhalt genoss, wusste aber auch, dass seine Kraft nicht reichte, um Rüttgers auszubremsen. So ließ er sich im Juni auf den lukrativen Posten des Vizepräsidenten im Landtag wählen und galt seither als Anwärter für höhere Aufgaben im Wartestand. Dass man ihn so schnell rufen würde, hatte er selbst nicht geglaubt und statt dessen gehofft, künftig etwas mehr Zeit für seine Dortmunder Borussen zu haben. Zumal die neuerdings wieder häufiger gewinnen.

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