Poliça : Was der Mann kann, kann ich schon lang

Düster, kühl, kunstvoll: Die US-amerikanische Band Poliça und ihr zweites Elektropop-Album „Shulamith“.

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Channy Leaneagh, Sängerin von Poliça.
Channy Leaneagh, Sängerin von Poliça.Foto: Memphis Industries

Flirts mit dem Feminismus gab es im Elektropop immer mal wieder. Erst kürzlich haben etwa The Knife mit ihrem schillernden Konzeptalbum „Shaking The Habitual“ gezeigt, dass der Einfluss von Queer Theory zu erhellenden Ergebnissen führen kann. Etwas plakativer geht seit jeher Peaches („Fatherfucker“) zu Werke, ebenso Le Tigre, die ihr zweites Album „Feminist Sweepstakes“ (2001) nannten und in dem Song „F. Y.R.“ skandierten: „And we got equal rights on ladies nite/Feminists we’re calling you/ Please report to the front desk“. Inspiriert war dieser Wutausbruch von der kanadischen Feministin Shulamith Firestone, die sich bereits Ende der Sechziger für eine liberale Abtreibungspolitik einsetzte und in New York eine radikale Frauengruppe gründete. In ihrem Buch „The Dialectic of Sex“, das 1970 erschien, sprach sie – Marx und Freud weiterdenkend – von einem Geschlechterklassensystem, in dem Frauen aufgrund ihrer Biologie in eine untergeordnete Position gedrängt werden. Die klassische Familie diene dazu, sie dort zu halten, und müsse überwunden werden.

Nun hat Shulamith Firestone ein kleines Comeback in der Welt des Elektropop: Die amerikanische Band Poliça hat ihre zweite Platte nach der Autorin und Malerin benannt, die in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufwuchs und 2012 mit 67 Jahren in New York starb. Auf dem Album-Cover ist über dem Schriftzug mit ihrem Vornamen eine Frau mit blutverschmiertem Hals und Rücken zu sehen. Ein Opfer häuslicher Gewalt? Eine Kämpferin für Frauenrechte? Die Sache bleibt rätselhaft, denn auch Sängerin Channy Leaneagh äußert sich nur zurückhaltend zum Titel. Sie wolle damit kein politisches Statement abgeben, sondern habe die Platte einfach nach jemandem benannt, der ihr viel bedeute, lässt sie verlauten. Genau wie Firestone gehe es ihr eben viel um Beziehungen. Tatsächlich sind die Songtexte der 32-Jährigen trotz zahlreicher Exkurse ins Assoziative recht aufschlussreich, tritt dort doch ein äußerst wehrhaftes und selbstbewusstes lyrisches Ich auf – mit Zeilen wie „I don’t need a man, I don’t need a man/ All that he does I can, I can“ oder „I don’t like it when you/ Tell the boys that I’m your girl“.

Justin Vernon ist Poliça-Fan und singt bei einem Stück mit

Wie schon auf dem ersten Poliça-Album „Give You The Ghost“, das vergangenes Jahr erschienen ist und euphorische Kritiken bekam, schickt Leaneagh ihre Stimme auch auf den zwölf neuen Stücken durch die Filter des Autotune-Programms. Verzerrt, unterkühlt, hallig und fast körperlos klingt ihr Gesang. Der Effekt ist inzwischen ein Markenzeichen der Gruppe aus Minneapolis, die Leaneagh vor zwei Jahren zusammen mit dem Produzenten Ryan Olson gründete. Später kamen noch ein Bassist und zwei Schlagzeuger hinzu.

Die Band zeigt sich auf „Shulamith“ vor allem in Sachen Synthesizerarbeit stark verbessert. Die Spuren sind wesentlich kunstvoller und trickreicher geschichtet als auf dem Vorgänger-Album, wo sie meist nur Hintergrundfunktion hatten. Beim Opener „Chain My Name“ wird ein spitz piepsendes Motiv gegen ruhige Akkordflächen gesetzt, zwischen denen ein weit nach vorn gemischter Bass wie ein cooler Typ in Lederjacke herumspaziert. In ähnlicher Rolle tritt er bei der Single „Tiff“ noch einmal auf. Durch diese R’n’B-Ballade schwebt Channy Leaneaghs Stimme in Begleitung von Poliça-Fan Justin Vernon (Bon Iver).

Die beiden Schlagzeuger vermischen ihr Spiel geschickt mit elektronischen Beats, doch die „echten“ Drums behalten stets die Vorherrschaft, was das Klangbild organischer und auch weniger entrückt wirken lässt. Die Gruppe versteht sich darauf, düster-sehnsuchtsvolle Stimmungen zu erzeugen und kommt in ihren besten Momenten sogar in die Nähe von Fever Rays fantastischem Debüt von 2009. In der aktuellen Elektro-Klasse mit Kolleginnen wie Grimes, Zola Jesus oder Austra belegen Poliça mit „Shulamith“ problemlos einen Spitzenplatz – und ein bisschen Feminismus einzuschmuggeln ist ja nie verkehrt.

Poliça: „Shulamith“ ist bei Memphis Industries erschienen.

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