Kultur : Polit-Skandal in Warschau von Krzysztof Krauze

Wlodzimierz Nechamkis

Kritiker behaupten, der Film des Regisseurs sei der wichtigste Beitrag zur Diskussion über die dunklen Seiten der Entwicklung nach 1989Wlodzimierz Nechamkis

Der junge Architekt Adam wird nicht zum ersten Mal von seinem Verfolger zusammengeschlagen und gefesselt. Diesmal kündigt der Schuldeneintreiber dem Opfer seine Hinrichtung an, dann wirft er es in den Kofferraum seines Autos und fährt los. Eine halbe Stunde später steht der Wagen vor einer Polizeidienststelle in Warschau. Der Gangster plaudert mit einem Beamten von der Antiterroreinheit. Sie duzen sich. "Wen hast du da im Auto?", fragt der Beamte. "Einen, der mir Geld schuldet", antwortet der Entführer. Der Polizist beugt sich über den Gefesselten. "Schulden muss man pünktlich zahlen", sagt er.

Eine Schlüsselszene - die in dem Film "Dlug" ("Die Schuld") nicht zu sehen ist. Die Erlebnisse des jungen Architekten dienten als Vorlage für einen Film, der in Polen als herausragendes Kinoereignis gefeiert wird. Die Kritiker behaupten, der Film des Regisseurs Krzysztof Krauze sei der wichtigste Beitrag zur Diskussion über die dunklen Seiten der Entwicklung nach 1989. Er setzt sich mit dem Gespenst der wachsenden Kriminalität in Polen auseinander. Ausgerechnet die Rekonstruktion eines wahren Kriminalfalls scheint ein Spiegelbild zu sein, in dem sich eine verunsicherte Gesellschaft wiedererkennt. Der Film erzählt eine beklemmende Geschichte von zwei jungen Akademikern, einem Architekten und einem Volkswirt, die ihr Glück in der Welt des großen Business versuchen.

Der Film wurde im Winter gedreht. Die kühlen, glatten Fassaden der Kreditanstalten, die seit dem Bauboom der 90er das Straßenbild Warschaus prägen, bilden zunächst die Kulisse der Geschichte. In dieser Kälte drohen die Träume der jungen Männer zu platzen. Die Banken weisen sie ab. Ein Businessman mit kurzem Haarschnitt und starrem Blick verspricht ihnen schnelle Hilfe. Es ist eine Falle. Gerard Nowak, in Wirklichkeit ein Geldeintreiber mit Mafiaverbindungen, macht sie zu seinen Opfern. Ohne eine Miene zu verziehen, fordert er von ihnen die Rückzahlung einer absurden Schuld, die sie nie gemacht haben. Als erster wird der Architekt vor seinem Haus verprügelt. Die Schuld würde ab jetzt täglich um 1000 Dollar anwachsen, teilt Nowak ihm mit.

Sein Nachhilfeunterricht in Sachen Kapitalanschaffung in einem rechtlosen Raum wird für die Beiden zu einem Horrortrip ohne Ende. Die Musik des bekannten Jazzkomponisten Michal Urbaniak und die klaustrophobische Kameraführung lassen den Zuschauer die Angst der Opfer bildhaft spüren. Die jungen Leute werden mißhandelt und erniedrigt. Der Versuch des Architekten, die Polizei zu verständigen, gerät zu einer Farce. Eine Schmollmundlolita in Uniform schlägt dem verängstigten Mann vor, seinen Verfolger amtlich "zu ermahnen".

Irgendwann begeht aber auch der psychopatische Schuldeneintreiber einen Fehler. Er verachtet seine Opfer zu sehr und unterschätzt ihre Verzweiflung. In einer Kurzschlußreaktion überwältigen sie ihn und seinen Leibwächter, dann haben sie keine Wahl mehr. Nur sein Tod kann ihren Alptraum beenden. Sie schlachten ihn und seinen Gehilfen, der um Gnade winselt, nachts am Weichselufer ab. Die Köpfe trennen sie von den Leichen und werfen sie ins Wasser. Der Mord soll wie eine Hinrichtung unter russischen Mafiosi aussehen.

Die ungewöhnlich starke Resonanz auf den Film hat mit seinem blutigen Ausgang wenig zu tun. Es ist das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Gewaltkriminalität, das "Eine Schuld" zu einem Publikumsmagneten macht. Die Tatenlosigkeit der Polizei und die lasche Haltung der Justiz dem organisierten Verbrechen gegenüber werden in Polen zunehmend als Verhöhnung des allgemeinen Gerechtigkeitsempfindens kritisiert.

Hätten sich die Gewaltopfer nicht freiwillig bei der Polizei gestellt, wäre ihr Verbrechen wohl nie geklärt worden. Als ein mildernder Umstand wurde das jedoch vor Gericht nicht anerkannt. Erst der Film machte die Öffentlichkeit auf den Prozess aufmerksam. Die Akte des echten Nowak verschwand unter mysteriösen Umständen aus den Gerichtsunterlagen.

"Ein klarer Hinweis darauf, dass der Schuldeneintreiber ein V-Mann, oder sogar ein verdeckter Ermittler der Polizei war", sagt der Drehbuchautor Jerzy Morawski. Eine Richterin, die sich im Kriegsrecht mit drakonischen Strafen einen Namen gemacht hatte, hat sich viel Mühe gegeben, seine Erpresserrolle in der Urteilsbegründung nicht zu berücksichtigen.

Die vermutlichen Verbindungen Nowaks zu der Polizei können die Dreistheit erklären, mit der er sein Opfer direkt vor einem Polizeirevier demütigte. Auf diese Szene verzichtete Morawski, obwohl sie sich in Wirklichkeit ereignet hat. "Der Film ist ohnehin sehr heavy", begründet der Drehbuchautor seine Entscheidung. "Ich befürchtete, dass sie überzogen erscheinen würde".

Trotz dieser Zweifel erlangte die inzwischen in Zeitungen beschriebene und mehrmals zitierte Szene mit dem entführten Architekten, der von einem Polizisten eingeschüchtert wird, einige Berühmtheit. Es sind die sich häufenden Skandale um die Polizei und ihre dubiosen Verflechtungen mit der Unterwelt, die sie authentisch erscheinen lassen. In Zielona Gora wurde unlängst ein Polizeikommandant vom Dienst suspendiert, weil er bei der Zahlung von Lösegeld für gestohlene Autos vermittelt hatte. In Olsztyn sorgt die Affäre um einen Gerichtsvollzieher für Schlagzeilen. Der Schuldeneintreiber von Amts wegen wurde bei dem Versuch 10 000 DM Schutzgeld zu erpressen, überführt. Sein Vater, ein einflußreicher Polizeioberst, ließ sich daraufhin auf ein Geschäft mit seinem vorbestraften Komplizen ein. Er stellte ihm Straffreiheit in Aussicht für die Entlastung seines Sohnes vor Gericht.

Obwohl "Eine Schuld" einen speziellen Kriminalfall nacherzählt, wird die Botschaft des inzwischen preisgekrönten Films (ein Goldener Löwe beim Filmfestival in Danzig und der begehrte Kulturpreis des Magazins "Polityka" "Paszport Polityki") als allgemeingültig verstanden. Es ist das unvorstellbare Versagen der Polizei und der Justiz, sowie das unter vielen Polen verbreitete Gefühl, im Zeitalter des Räuberkapitalismus zu leben, die den Film zu einem ungewöhnlichen Kinoerfolg gemacht haben. Wohl am schnellsten hat das der Präsident Aleksander Kwasniewski begriffen, der nach einem Kinobesuch seine Bereitschaft signalisierte, die echten Protagonisten des Films zu begnadigen.Heute 15 Uhr (CinemaxX 7), morgen 14.30 Uhr (International)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben