Kultur : Politik auf der Leinwand

Zum 60. Geburtstag des Malers Jörg Immendorff

Michael Krajewski

Gern schildert der Maler, wie er sich im aufgeheizten Klima der Düsseldorfer Akademie einst von der Kunst abwendete; sein frühes Bild von 1966 trägt die Lettern „Hört auf zu malen“, durchgestrichen von einem Kreuz. Ob die raschen Striche tatsächlich Joseph Beuys auf die Leinwand schmierte oder doch der Kunststudent Jörg Immendorff unter dem Einfluss seines Lehrers, ist nicht mehr zu klären. Der kaum Zwanzigjährige rebellierte gegen den Kunstbetrieb, indem er politisch-dadaistische Aktionen unter dem Namen „Lidl“ organisierte, die bald in direkte politische Arbeit mündeten.

Anfang der Siebzigerjahre begann der Kunstlehrer an einer Düsseldorfer Hauptschule wieder zu malen, diesmal plakative, agitatorische Appelle. Sein früher Anspruch, künstlerische Arbeit in den Dienst der Werktätigen zu stellen, trieb ihn in die ästhetische Art Isolation, die er 1976 spiegelbildlich bei A. R. Penck, dem malenden, in der DDR verpönten Außenseiter, wiedererkannte.

Die beiden Künstler befreundeten sich. Mit der deutschen Geschichte formulierte Immendorff ein neues gesellschaftliches Thema zu einer Zeit, als künstlerisch der unpolitische Konzeptualismus blühte: im Zyklus „Café Deutschland“, einem mythischen Ort, der Prominente der Kunstszene und Politik versammelt. Es war sicherlich Immendorffs Leistung, sich künstlerisch dem Leiden an der deutschen Situation zuzuwenden, als die Mehrheit der Deutschen die Teilung bereits akzeptiert hatte. Anfang der Achtzigerjahre erlebte die Malerei eine ungeahnte Konjunktur, und auch Immendorff, seit 1996 Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, profitierte von dieser Entwicklung. Er geriet in die Schlagzeilen, als man ihn 2003 in einem Düsseldorfer Hotel beim Kokainkonsum in Begleitung von Prostituierten ertappte. Der Prozess machte seinen dramatischen Gesundheitszustand öffentlich; der Maler ist an der unheilbaren Nervenlähmung ALS erkrankt.

Nicht nur deshalb erfährt Immendorffs verfeinerte, allegorisch geladene Bildsprache in der letzten Zeit steigendes Interesse: Der Sammler Charles Saatchi stellte ihn kürzlich in der Londoner Schau „Triumph of Painting“ neben eine nachwachsende Generation von gegenständlichen Malern wie Peter Doig, Luc Tuymans oder Neo Rauch. Im September ehrt ihn die Neue Nationalgalerie in Berlin mit einer großen Retrospektive. Heute feiert der in Düsseldorf lebende Künstler seinen 60. Geburtstag.

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