Politische Bücher : Islamisten aus der Vorstadt wie im Agenten-Thriller

Nazis, CIA und der Kalte Krieg: Die abenteuerliche Geschichte einer Münchner Moschee. Die detailreiche Beschreibung der „geheimen Islam-Politik“ der Bundesrepublik macht die Stärke zweier neu erschienener Bücher aus.

von
Freimann bei Nacht. Das Islamische Zentrum in München.
Freimann bei Nacht. Das Islamische Zentrum in München.Foto: LAIF

Das ist ein Stoff für John le Carré, den Meister der Agententhriller: Ausgediente NS-Funktionäre, das Vertriebenenministerium, deutsche und amerikanische Geheimdienstler und andere schillernde Gestalten raufen sich um Muslime, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion gekämpft und sich anschließend in Deutschland niedergelassen haben. Es gibt Verschwörungen und Verrat – die Muslime aus Zentralasien sollen instrumentalisiert werden, um die Sowjetunion zu destabilisieren. Man hilft ihnen beim Aufbau von Institutionen, unterstützt die Gründung einer Moschee in München-Freimann – und schafft damit die Keimzelle eines politischen Islam in Deutschland, an die später andere islamische Gruppen andocken. All dies geschieht in den 50er und 60er Jahren, unbemerkt von der Öffentlichkeit, die den Islam im eigenen Land erst mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 entdeckt.

Jetzt zeichnen gleich zwei Autoren diese unbekannte und abenteuerliche Geschichte nach: der ARD-Journalist Stefan Meining und der ehemalige Korrespondent des „Wall Street Journal“ in Berlin und Pulitzer-Preisträger, der Amerikaner Ian Johnson. Die detailreiche Beschreibung dieser „geheimen Islam-Politik“ der Bundesrepublik und des amerikanischen Geheimdienstes CIA in Deutschland macht die Stärke beider Bücher aus. Die im zweiten Teil der Bücher beschriebene spätere Übernahme der Strukturen und der Münchner Moschee durch islamistische Studenten aus arabischen Ländern, die angeblich hier den Boden für den islamischen Terrorismus in Europa gelegt haben sollen, ist fragwürdiger und weniger gut belegt.

Johnson hat dabei eher die amerikanische Brille auf und stellt den CIA-Agenten Robert Dreher in den Mittelpunkt, der nach Kriegsende in München beim American Committee for Liberation, einer Tarnorganisation des CIA, arbeitete. Hingerissen von der Vorlage verliert sich Johnson öfter in Anekdoten und der Leser verliert trotz eines Namensverzeichnisses der Hauptdarsteller leicht den Überblick. Meining schaut aus deutscher Perspektive, zeichnet spannend nach, wie muslimische Überläufer sich angesichts der deutschen Verluste im Krieg notgedrungen als Hilfstruppen im „osttürkischen Waffenverband der SS“ aufstellten, die man anschließend nicht in die Sowjetunion zurückschicken konnte, weil sie dort als Verräter hingerichtet worden wären. Die deutsche Hauptperson ist Gerhard von Mende, ein sprachbegabter Wissenschaftler im Ministerium für die besetzten Ostgebiete, der diese Muslime für Propagandazwecke im Kalten Krieg zu instrumentalisieren versuchte. Dabei werden gleichzeitig Netzwerke aufgedeckt, die nach dem Krieg weiter funktionierten.

Allerdings wird in beiden Büchern nicht deutlich, was die deutschen und amerikanischen Bemühungen letztendlich wirklich gebracht haben. Anscheinend waren die wenig gebildeten, zerstrittenen muslimischen Kriegsveteranen wenig effizient als Agitatoren. Aber die Geschichte zeigt plastisch, dass die Politik der USA, islamische Gruppen in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung in den 80er Jahren zu instrumentalisieren, eine lange Vorgeschichte hat.

Organisierter und effizienter sind dagegen die islamistisch eingestellten arabischen Studenten, die in die junge Bundesrepublik strömen, um der Verfolgung in ihren Heimatländern zu entkommen. Darunter sind auch prominente Muslimbrüder. Doch sie lassen sich von Deutschen und Amerikanern wenig manipulieren und übernehmen schließlich die Münchner Moschee. Hier ist eine Hauptfigur der international vernetzte Said Ramadan, Schwiegersohn des Begründers der ägyptischen Muslimbrüder und Vater des umstrittenen Vordenkers eines europäischen Islam, Tariq Ramadan. Johnson will beweisen, dass Ramadan und seine Anhänger den Samen für islamischen Terror auf deutschem Boden gelegt haben. Als Beleg nennt er in dem sehr kurz geratenen zweiten Teil die Namen einiger Aktivisten, die in der Münchner Moschee vorbeigeschaut haben sollen oder zitiert nicht genannte „Islamexperten“.

Doch die große Schwäche dieses Arguments und des Buches von Johnson ist seine Unkenntnis der Muslimbruderschaft und ihrer Ideologie. Für ihn sind sie Vorläufer von Al Qaida, gewaltbereit, in erster Linie antisemitisch und von Saudi-Arabien gesteuert. Hier scheint Johnson Opfer der neokonservativen Ideologie in den USA geworden zu sein. Denn die Muslimbrüder verfolgen in erster Linie ein Gesellschaftsprojekt, das eine Erneuerung der muslimischen Kultur und Identität zum Ziel hat, haben der Gewalt lange abgeschworen und wurden von den Saudis bestenfalls geduldet. Für den Islam in Deutschland scheinen sie eher eine Randerscheinung gewesen zu sein – der ist von den türkischen Einwanderern geprägt.

Der Redakteur des Polit-Magazins „Report München“, Stefan Meining, ist deutlich unvoreingenommener. Er zeigt Querverbindungen und Kontakte auf, auch zu terrorverdächtigen Islamisten. Aber immer wieder weist er darauf hin, dass unklar ist, ob Personen Mitglieder der Muslimbruderschaft waren. Er macht deutlich, wann es sich um Vermutungen handelt oder Vorwürfe, die nicht belegt werden können. Sehr detailliert zeigt er auf, welche Rolle deutsche Konvertiten bei der Verbreitung eines konservativen Islam-Verständnisses in der Bundesrepublik spielten, wie man organisatorisch expandierte mit der Gründung der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland. Damit liefert Meining einen faszinierenden Überblick über die Entwicklung des Islam und des politischen Islam in Deutschland. Statt steiler Thesen bietet er Informationen, die dazu beitragen sollen, den politischen Islam der Gegenwart in Deutschland besser zu verstehen.

Ian Johnson: Die Vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus. Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 360 Seiten, 22,95 Euro.

Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. C. H. Beck, München 2011. 311 Seiten, 19,95 Euro.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben