Politische Literatur : Öl - ein Rohstoff vergiftet das Denken

Öl ist in aller Munde: Die USA erleben derzeit die schlimmste Umweltkatastrophe an ihrer Küste. Und Peter Maass beschreibt, wie der Rohstoff Nigeria an den Abgrund führt.

von

Einmal mehr scheint Öl im wahrsten Sinne des Wortes ein schmutziges Geschäft – und das in mehrfacher Hinsicht: Peter Maass erzählt nicht nur die altbekannten Geschichten über die wechselseitige Verquickung von Washingtons Außenpolitik und den Interessen der amerikanischen Ölkonzerne, über das „Great Game“ zwischen den USA, Europa, Russland und China um die globalen Energieressourcen. Das große Verdienst des früheren Europa- und Asienkorrespondenten der „Washington Post“ und heutigen Autors des „New York Times Magazine“ ist vor allem, sein Augenmerk auch auf einen Krieg um Öl zu legen, über den in westlichen Medien kaum berichtet wird: die Kämpfe im Nigerdelta zwischen Regierungstruppen und privaten Sicherheitsdiensten von Energiekonzernen auf der einen und Milizen von Warlords und Rebellen auf der anderen Seite.

„Die Sanftmütigen werden das Land erben, nicht aber die Ölrechte“, zitiert Maass den amerikanischen Ölmilliardär Jean Paul Getty. Im Nigerdelta bedeutet das: Die Gemeinden, in denen das meiste Öl Nigerias gefunden wurde, erhielten kaum mehr als symbolische Zahlungen, nachdem in den 60er Jahren eine Förderung im großen Stil begonnen hatte. Dies beschleunigte den Zusammenbruch des Landes: Anfangs gab es friedliche Proteste, die vom Staat unterdrückt wurden. Dann bildeten sich Milizen, um gegen Soldaten zu kämpfen, die aufgebrachte Dörfer angriffen. Die Milizen nahmen Ölarbeiter als Geiseln. Pipelines wurden angezapft. Die Milizen bekriegten sich auch untereinander. Ausländische Unternehmen schürten den Konflikt, indem sie beide Seiten finanziell unterstützten: Das Militär wurde bezahlt, um die Ölquellen zu beschützen; die Milizen, um diese nicht anzugreifen.

Maass reiste nach Port Harcourt, mit eineinhalb Millionen Einwohnern das Zentrum der nigerianischen Ölindustrie, um zu erfahren, wie das Öl aus einem einst prosperierenden Land ein Beispiel an Verkommenheit gemacht hatte. Als Geologen, die für Shell arbeiteten, in Nigeria Öl entdeckten, verfügte es über eine wachsende Industrie und eine gesunde Landwirtschaft. Mit seiner in Großbritannien ausgebildeten Elite schien Nigeria, als es 1960 unabhängig wurde, beste Aussichten zu haben. Der Bevölkerung wurde glauben gemacht, der gerade im Delta entdeckte Schatz werde für eine rosige Zukunft sorgen. Doch es kam anders: Nigeria, inzwischen der achtgrößte Ölexporteur der Welt, verdiente in den letzten Jahrzehnten mehr als vierhundert Milliarden Dollar durch das Öl. Dennoch müssen neun von zehn Bürgern von weniger als zwei Dollar am Tag leben. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt pro Kopf nur ein Fünftel dessen, was Südafrika aufweist. Selbst der Senegal, der lediglich Fisch und Nüsse ausführt, verfügt über ein größeres Pro-Kopf-Einkommen. Doch einfach verschwunden ist Nigerias Reichtum nicht. Die Weltbank schätzt, dass 80 Prozent der Öleinnahmen einem Prozent der Einwohner zugeflossen sind.

Maass vergleicht Nigeria mit einem Organismus, der von mehreren Krankheiten befallen ist: Legionen junger Männer, die der harten und schlecht bezahlten Arbeit in der Landwirtschaft den Rücken kehrten, wanderten in die Städte ab, wo sie leichtere Jobs zu finden hofften. Die gab es jedoch nicht. Die Ölindustrie ist nicht arbeitsintensiv. Und die nigerianische Regierung hätte selbst dann, wenn sie nicht durch Korruption und Verschwendung Mittel verloren hätte, nicht genügend Öldollars besessen, um Infrastrukturprojekte zu finanzieren, die derart vielen Menschen Arbeit verschafft hätten. Die Landflüchtlinge wurden zu einer urbanen Unterschicht.

Anstatt wohlhabend zu werden, wurden die Bewohner des Nigerdeltas noch ärmer und mussten zusehen, wie ihr Land und ihr Wasser von einer Industrie verschmutzt wurden, die ihnen nicht gehörte, die sie nicht beeinflussen konnten und die ökonomisch kaum etwas für sie abwarf. Im Delta, einst ein blühender Lebensraum, starben zahlreiche Fischarten und Meerespflanzen aus. Die wenigen Mittel, die von der Regierung für die regionale Entwicklung vorgesehen waren, wurden größtenteils von Beamten und Stammesoberen veruntreut. Die Saat für einen Aufstand war gesät.

Bereits 1966 gründete Isaac Boro, ein aus dem Delta stammender Armeeoffizier, den „Niger Delta Volunteer Service“ und rief eine abgespaltene Republik aus. Seine Revolte wurde von Verbänden niedergeschlagen, die mit Schiffen des Shell-Konzerns in das Delta einfielen. Ein weiterer erfolgloser Sezessionskrieg folgte. Dem sogenannten Biafrakrieg fielen zwei Millionen Menschen zum Opfer. Auch eine populäre gewaltfreie Kampagne gegen Shell in den 90er Jahren wurde vom Militärregime brutal zerschlagen. Bis heute leiden die rund 30 Millionen Bewohner des Deltas – Nigeria ist mit fast 150 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas – unter den blutigen Rivalitäten zwischen Warlords, Gouverneuren, Stammeskönigen und Ölmanagern. Hinzu kommt ein ökologisches Desaster gigantischen Ausmaßes: Offiziellen Statistiken zufolge ereigneten sich allein von 1976 bis 2001 im Schnitt mehr als fünf Ölhavarien pro Woche; nach inoffiziellen Schätzungen könnten es sogar zehnmal mehr sein.

Was Maass überaus pointiert und detailliert für Nigeria beschreibt, hat sein polnischer Kollege Ryszard Kapuscinski im Fall über das Persien des Schahs auf den Punkt gebracht: „Erdöl entflammt ungewöhnliche Emotionen und Leidenschaften, denn Erdöl ist vor allem eine große Versuchung. Es lockt mit leicht verdientem Geld, Reichtum, Überfluss und Macht. Es ist eine stinkende, schmutzige Brühe, die munter in die Höhe schießt und in Form eines klingenden Geldregens wieder zur Erde rieselt. Erdöl weckt die Illusion eines völlig anderen Lebens, ohne jegliche Anstrengung, eines Lebens umsonst. Erdöl ist ein Rohstoff, der das Denken vergiftet, den Blick trübt, die Seele verdirbt.“ Nicht zuletzt Maass’ amerikanischen Landsleuten am Golf von Mexiko dürfte in den letzten Wochen schmerzhaft klar geworden sein, wovon Kapuscinski spricht.

– Peter Maass: Öl. Das blutige Geschäft. Droemer Verlag, München 2010. 352 Seiten, 19,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar