Politische Zeitschriften : Mehr Mut zur Metaebene!

Organ einer globalisierungskritischen Linken auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Journalismus: Die "Blätter für deutsche und internationale Politik" werden 60 Jahre alt.

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Auf Rechtspopulismus darf man nicht mit Linkspopulismus antworten. Jürgen Habermas.
Auf Rechtspopulismus darf man nicht mit Linkspopulismus antworten. Jürgen Habermas.Foto: AFP/Louisa Gouliamaki

Aus den Aschen des realen Sozialismus hat sich wohl keine politische Publikation eleganter gerettet als die „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Zum 60. Geburtstag bewegen sie sich zielsicher auf den Punkt zu, an dem die Nachwendegeschichte die Vorwendeverstrickungen mit den Geldern und Interessen der SED verblassen lässt. Wobei die Bindung an den 1989 nach ausgefallenen Ost-Zahlungen in die Insolvenz gerutschten Kölner Pahl-Rugenstein Verlags, die Nähe zur DKP und der Einfluss der Marburger Schule mit ihrem führenden Exponenten, dem Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth, auch unorthodoxen Stimmen Raum gab. Die Abteilung „Zurückgeblättert“ auf www.blaetter.de vermittelt einen lebendigen Eindruck von den kritischen Energien, die die Monatszeitschrift zwischen Adenauer und Kohl im altbundesrepublikanischen Kontext entfaltete.

Im Eigenverlag, zu dem auch eine Buchedition gehört, haben sich die 2004 von Bonn nach Berlin umgezogenen „Blätter“ nun aber zum Organ einer universalistischen Linken entwickelt, die den globalen Kapitalismus aus undogmatisch-liberalem Geist infrage stellt. Durch seine 8000 Abonnenten trägt sich das Unternehmen bei einer Gesamtauflage von 10 000 Exemplaren erstaunlicherweise selbst – für eine Zeitschrift dieses Typus eine Seltenheit. Albrecht von Lucke gibt in einem halbstündigen Interview mit Natascha Freundel in der Reihe Drucksachen des Deutschlandfunks (Transkript und Podcast unter deutschlandfunk.de) Auskunft über das Selbstverständnis seiner momentan fünfköpfigen Redaktion.

Die Bedeutung, die den „Blättern“ heute zukommt, hat sich dabei fast wie von selbst ergeben. Mit der von wissenschaftlichen Maßstäben genährten Nüchternheit ihrer Beiträge bieten sie ein willkommenes Gegengift zu den süßen Lockungen des expandierenden Wohfühljournalismus wie zum oft argumentfreien Schlagabtausch in den sozialen Medien. Und mit der Wiederkehr identitärer Positionen, die bis in bürgerliche Kreise hinein völkisches Gedankengut transportieren, ist ihnen ein Gegner zugewachsen, der ihnen bis vor Kurzem nur als Phantom vor Augen stand.

Die Devise heißt Dethematisierung

Dabei geht es nicht um simple Frontstellung. In der Jubiläumsausgabe (11/2016, 130 Seiten, Einzelheft 10 €) empfiehlt Jürgen Habermas, einer der Herausgeber, in einem offenbar schriftlich geführten Interview, auf das rechtspopulistische Ansinnen, einem innenpolitischen Diskurs, der von einem „Wir gegen das System“ ausgeht, aus linker Sicht gar nicht erst einzugehen. Rechtspopulismus lässt sich in seinen Augen nicht mit Linkspopulismus begegnen.

Für ihn heißt die Devise „Dethematisierung“, Aufmerksamkeitsverweigerung, ja „Verachtung“. So seltsam das für einen Anwalt herrschaftsfreier Kommunikation klingt, muss man ihm doch zugute halten, dass er damit einer ihrerseits in der reinen Verweigerung stecken bleibenden Rechten entgegentritt, die Redebereitschaft nur grinsend simuliert.

Man müsste, fordert Habermas, politische Gegensätze wieder kenntlich machen, „auch den Gegensatz zwischen der – im politischen und kulturellen Sinne ,liberalen’ – Weltoffenheit der linken und dem ethnonationalen Mief der rechten Globalisierungskritik.“ Er appelliert also an das, was Reinhard Olschanski in seinem Essay „Die Politik des Ressentiments“ den „Mut zur Metaebene!“ nennt: „Mut zu einer Debatte über die Mechanismen von Feinbildproduktion statt bloßer Krawalle um deren Produkte.“ Andernfalls tappt die Linke in jede von rechts aufgestellte Themenfalle.

Was weltoffene Globalisierungskritik meint, demonstriert Stephan Lessenich in einem „Psychogramm der Externalisierungsgesellschaft“, das zeigt, wie der reiche Westen seine Probleme einfach auslagert: „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Wir leben über die Verhältnisse anderer.“ Naomi Klein spricht sogar von „Umweltrassismus“ und dem Klimawandel geschuldeten „Opferzonen“. Was immer man gegen diese Linke einwenden mag: Sie setzt sich – wieder – mit Überlebensfragen auseinander. Für ihr Beharrungsvermögen ist das ein gutes Zeichen.

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