Kultur : Politisches Engagement? Ein Missverständnis

Sozietät der Erprobten: Der Filmemacher Volker Schlöndorff über die Aufgaben der Akademie

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Die Akademie der Künste war einst ein Club, dann wurde sie eine Institution, mit dem Neubau am Pariser Platz ist sie ein mittelständisches Unternehmen geworden. Alleine die Glasfassaden: Wenn man alle Fenster geputzt hat, ist kaum noch Geld für das Veranstaltungsprogramm da. Transparenz ist teuer. Ein bisschen ist es so wie bei der Filmhochschule in Babelsberg: Die kann sich vielleicht noch leisten, dass die Fenster trüb sind, aber die Akademie der Künste muss strahlen.

Ich habe deshalb schon vor drei Jahren vorgeschlagen, den Neubau an einen Betreiber zu verpachten, der dort ein Programm auf eigene Kosten organisiert und vermarktet. Die Akademie müsste sich dort nur 40 oder mehr Veranstaltungstermine im Jahr vorbehalten. Schon das Haus am Hanseatenweg ist ja von dem Zwang, Programm und nichts als Programm zu machen, völlig überfordert. Zu Westberliner Zeiten war das noch nötig, damals war die Akademie ein Außenposten der Avantgarde. Aber heute spielt die Avantgarde sich überall ab. Und die an Veranstaltungen so reiche Stadt Berlin braucht nicht noch einen Veranstalter mehr.

Adolf Muschg hat die Lage richtig analysiert. Vieles sollte unter den Teppich gekehrt werden, mit seinem Rücktritt hat er erreicht, dass es eine öffentliche Auseinandersetzung gibt, bis zu einer Runde beim Kulturstaatsminister. Etwas Besseres konnte gar nicht passieren.

Die Akademie muss kein Programm machen, das ist überflüssig. Sie sollte sich auf die geistige Auseinandersetzung konzentrieren. Leider kommt es vor lauter Tagesordnung zu verwaltungstechnischen Fragen gar nicht mehr zu solchen Gesprächen der Akademie-Mitglieder. Das ist der eine wichtige Teil eines Konzepts für die Akademie, das Adolf Muschg ja schon formuliert hat: Das Management der Institution, also die Geschäftsführung, muss klar von der Organisation der geistigen Auseinandersetzung getrennt werden. Ein ehrenamtlicher Präsident kann und soll dafür sorgen, dass die Mitglieder zueinander finden und die Sektionen nicht unter sich bleiben. Das Management des Unternehmens ist nicht seine Aufgabe. Wenn diese Arbeitsteilung geklärt ist, wird sich bestimmt ein guter neuer Präsident finden. Das andere Wichtige ist übrigens das überaus reiche Archiv, das ein eigenes Nebenunternehmen darstellt.

Die von der Bundesregierung erneut formulierte Erwartung, die Akademie solle sich gesellschaftspolitisch engagieren, ist ein großes Missverständnis. Der „Beratungsauftrag“ gegenüber der Politik steht seit über 50 Jahren in der Satzung. Da wird nach Nützlichkeitsprinzip etwas abgefordert, jeder Kulturstaatsminister verspricht erneut, den Austausch zu beleben. Das ist die Geschäftsgrundlage. Aber wenn unter den Mitgliedern wirklich eine hochkarätige geistige Auseinandersetzung stattfindet, mit oder ohne Publikum, strahlt das auch in die Öffentlichkeit aus. Es ist nicht Aufgabe der Akademie, Stellungnahmen zu diesem oder jenem abzugeben. Die Akademie als solche hat keine Meinung. Sie besteht aus Einzelmenschen mit ihren unterschiedlichen Auffassungen, die sie jederzeit kundtun können.

Nach meiner Einschätzung tendiert die Mehrheit der Mitglieder inzwischen genau dazu: Dass die Akademie vor allem ein Treffpunkt sein muss, ein Ort der Auseinandersetzung nicht nur zwei Mal im Jahr bei den Hauptversammlungen, sondern das ganze Jahr über. Dafür eignet sich der Hanseatenweg sehr viel besser als der Pariser Platz. Man wird das nicht radikal umsetzen können, aber man muss es einmal denken dürfen: ob die Akademie am Hanseatenweg nicht besser aufgehoben wäre als am Pariser Platz.

In England würde man es einen Club nennen. Das hat auch eine urbane Qualität, schließlich leben die meisten Mitglieder hier. Die Akademie ist ein Zwitter: eine nationale Institution, aber vor allem eine Berliner Akademie. Und sie teilt das Schicksal von Berlin. Weder die Hauptstadt noch die Akademie hat die Ausstrahlung, die sie haben müsste.

Auch der wiederholte Vorwurf, die Akademie sei zu alt, ist falsch. Eine Akademie muss alt sein, sie ist die Sozietät der Erprobten. Jede Akademie hat eine begrenzte Mitgliederzahl, man wird auf Lebzeiten hineingewählt. Für die Jugend gibt es andere Orte. Warum soll man den Erprobten und ihrer versammelten Erfahrung nicht einen Ort geben? Klar, wir sind damit ein Angriffsziel der Jüngeren, aber damit müssen wir leben. Es gehört zur Vaterrolle.

Volker Schlöndorff, Jahrgang 1939, lebt als Film- und Bühnenregisseur in Potsdam. Für „Die Blechtrommel“ (1979) erhielt er den Oscar, zuletzt lief im Kino sein NS-Drama „Der neunte Tag“. Zurzeit arbeitet er an der Fertigstellung seines Films über eine vergessene Heldin der polnischen Solidarnosc. – Aufgezeichnet von chp

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