Kultur : Pop-art: Angriff der Leinwand-Beauties

Nicola Kuhn

Nicht nur zwei Generationen, vielmehr zwei Kontinente saßen da einander im Künstlergespräch gegenüber: auf der einen Seite der Belgier Luc Tuymans (Jahrgang 1958), der mit seinen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion changierenden Gemälden nach Wegen sucht, tabuisierte Geschichte darzustellen, und auf der anderen der Amerikaner Alex Katz (Jahrgang 1927), dessen großformatige Porträts und Landschaften hingebungsvoll der Oberfläche huldigen. Doch was sich mancher Zuhörer als high noon gegensätzlicher Künstlertypen ausgemalt hatte, entwickelte sich statt dessen zum freundschaftlich-kollegialen Gespräch. Selbst als die Galeristin Barbara Thumm, in deren Räumen die Begegnung aus Anlass einer Alex Katz-Ausstellung stattfand, wissen wollte, was die beiden denn voneinander vor allem wissen wollten, erkundigte sich Katz mit charmant-ironischem Lächeln nur danach, woher Tuymans eigentlich seine Pinsel beziehe.

So leicht lockt ihn nichts aus der Reserve. Kann es auch kaum, denn Alex Katz gehört zu den ganz Großen der amerikanischen Malerei. Mit ihm als Nachfolger von Jenny Holzer setzt die American Academy Berlin ihr von Philip Morris gesponsortes distinguished artist fellowship fort. Ein Amerikaner zumindest vorübergehend in Berlin also, denn Katz bleibt nur wenige Wochen. Doch die nutzt er intensiv, nicht nur für sich, sondern auch für andere: steht zum Galeriegespräch zur Verfügung, reist für einen Künstler-Workshop nach Dresden und hält zum Abschluss im Hamburger Bahnhof eine Lesung über das Thema "The Myth of Genius" (am 22. April).

Die Berliner, die Künstler danken es ihm schon jetzt, wie der Ansturm auf sein Künstlergespräch mit Tuymans deutlich machte, denn Alex Katz ist eine der erstaunlichsten Erscheinungen zeitgenössischer Malerei. Ein halbes Jahrhundert malt dieser lange Schlacks nun schon, an dem die physische Anstrengung der gigantischen Formate - selbst die bis zu sieben Meter großen Gemälde müssen an einem Tag und aus einem Guss gemalt sein - offenbar spurlos vorüber gegangen sind. In den sechziger Jahren fand er zu seiner unverwechselbaren Handschrift, jenen typisierten Porträts, die wie ausgeschnitten vor völlig flächigem Hintergrund abgebildet sind, die wie hingeworfen erscheinen in ihren großzügigen Pinselstrichen und den klaren Farben, zugleich aber brillant komponiert sind.

Einen Katz wird man überall wiedererkennen, seine coolen Typen und pretty women, die in ihrer freundlichen Glätte perfekt den american way of life verkörpern. Einen Katz wird man aber auch zu allen Zeiten entdecken, denn durch seine jahrzehntelange Malpraxis scheint dieser Künstler anderen stets voraus zu sein: zuerst als Gegenspieler des Abstrakten Expressionismus, denn der Sohn russischer Emigranten wollte allen Zeitströmungen zum Trotz die Gegenständlichkeit partout nicht aufgeben, dann als Vorläufer der Pop-Artisten, die von ihm die harte Flächigkeit übernahmen, und heute erneut als Vorbild junger Maler, die seine unwiderstehliche Verbindung zwischen reiner Oberfläche und Hingabe an ein Motiv nachzuahmen suchen. Wer Katz nicht kennt, würde in einer gemeinsamen Ausstellung niemals vermuten, dass sich hier ein Junggebliebener unter die Enkelgeneration gemischt hat. Im Kaminzimmer der Wannsee-Villa, wo die American Academy residiert, erzählt er mit einem gewissen Schmunzeln: "Früher, zur Pop-art galt ich durch das Malerische meiner Bilder als altmodidisch, dabei war ich eigentlich der Entwicklung voraus. Erst heute bin ich Zeitgenosse."

Auf diese Weise ist Katz zum Klassiker geworden, der sich vor allem in Europa verstanden fühlt, obwohl hier seine Rezeption erst Mitte der neunziger Jahre einsetzte. Mit einer Retrospektive seiner Landschaftsbilder in der Kunsthalle Baden-Baden, den alles übertrumpfenden Monumentalgemälden in der Hamburger "Birth of the Cool"-Ausstellung und einer One-Man-Show in der Londoner Saatchi-Galerie machte er sich in der Alten Welt einem größeren Publikum bekannt. Mag sein, dass er die hiesige Anerkennung eher genießen kann, weil er nach Europa schon als gestandener Maler kam und nicht mehr durchsetzen musste, während die von der New Yorker Kritik in den fünfziger Jahren geschlagenen Wunden offensichtlich immer noch schmerzen. Als "schlecht gezeichnet, sentimental gemalt" hätte man damals seine Bilder abgekanzelt, erinnert er sich noch genau an die Worte. Doch während andere Künstler nach einem solchen Angriff den Rückzug antreten oder zumindest die Richtung ändern würden, habe er umso mehr dagegen gehalten. Was ihn vielleicht gerade auf die Idee brachte, seine Gemälde groß wie Billboards zu malen, am besten für den New Yorker Times Square. Auch heute noch versteht er seine Bilder durch ihre schiere Größe als Anschlag auf das Publikum, das sich durch die Sanftheit seiner Motive jedoch gerne von ihm attackieren läßt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben