Kultur : Pop barock

JÖRG KÖNIGSDORF

Von einer Formation, die sich den eisigen Nordwind als Namenspatron erwählt, erwartet man nicht besonders liebliche Töne.Strammes Blechbläsergeschmetter jedenfalls eher als die konzilianten Darmsaitenklänge, mit denen das Berliner Boreas-Ensemble aufwartet.Zu einem Konzert mit dem Titel "Lust und Leben um 1700" hat diese neue Kammermusikgruppierung in die Charlottenburger Orangerie gebeten und will damit an die musikalischen Aktivitäten von Preußens erster Königin Sophie Charlotte erinnern.Die soll sogar selber gesungen haben und dürfte an den putzigen Arien des mitteldeutschen Kleinmeisters Philipp Heinrich Erlebach einige Gemütsergötzung gehabt haben.Von den hochdramatischen Affekten der italienischen Oper ist hier nichts zu hören, eher der Ton fast bürgerlicher Beschaulichkeit."Es lindert sich die höchste Pein durch Hoffnung und geduldig sein", singt die Sopranistin Anke Herrmann, ohne dabei penetrant den vokalen Zeigefinger zu erheben.Nie sprengt die Staatsopern-Pamina mit zuviel Stimme den Profi-Hausmusikrahmen des Konzerts, erliegt nicht der Versuchung, die bescheidenen Gesangslinien durch ein Übermaß an Dramatik aufzumotzen.Es ist ein gescheit geplanter Abend, den man sich in dieser Programmzusammenstellung durchaus in einem musikbegeisterten Haus des Spätbarock vorstellen kann.Die Arien wie die Duosonaten-Trouvaillen von Pachelbel, Krieger und Schwarzkopff mögen damals von ehrgeizigen Laien wie auch (als Nebenverdienst) von Hofkapellenviolinisten dargeboten worden sein.Die Boreas-Musiker aus dem Dunstkreis der Akademie für Alte Musik spielen die einfallsreiche Dutzendware stilbewußt und mit unterhaltungswertsteigernder Aufteilung des Continuo-Parts unter Cello, Laute, Cembalo und Truhenorgel - geschmackvolle Auszierungen inbegriffen.Und sorgen für angenehme zwei Stunden auch unterhalb der Genialitätsschwelle.

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