Kultur : Pop-Poet oder Textmaschine: Mit René Pollesch startet das Festival im Podewil

Sandra Luzina

Performer, die wie auf Speed agieren. Eine Überdosis Text, die in hoher Geschwindigkeit durch die Köpfe hindurchschießt. Beschleunigung ist eine Signatur der Zeit, und René Pollesch ist ein Beschleuniger - einer, der dem Theater Beine macht. Längst ist er über Insiderkreise hinaus bekannt. Berühmt und berüchtigt ist er für seine immense Produktivität. Schnell Denken, schneller sprechen, so könnte sein Motto lauten.

Mit der Uraufführung der von Pollesch eingerichteten Theater-Performance "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr" wird das Festival "reich & berühmt 2000" eröffnet, das nun bereits zum fünften Mal parallel zum Theatertreffen über die Bühne geht. Hier versammelt sich alles, was jung oder zumindest jugendlich ist und sich vom herkömmlichen Stadttheaterbetrieb mokiert abgrenzt. Performer also, die sich dem Label "Postdramatisches Theater" zuordnen lassen. Viele haben in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studiert und sich danach zu Kollektiven zusammengeschlossen. Pollesch gilt als Einzelkämpfer. Er ist Autor und inszeniert ausschließlich eigene Stücke. Doch er mag nicht Leitfigur sein, der Anführer, der sämtliche Verantwortung trägt. Im Umlauf sind daher typische Pollesch-Statements wie: "Die Schauspieler organisieren den Text selber."

Pollesch lehnt entspannt auf einem Polster im Theatersaal des Podewil und sieht seinen verwegen kostümierten Schauspielerinnen zu. DOZER prangt in großen Buchstaben auf seinem braunen T-Shirt - ohne BULL davor. Susanne Abelein, Elisabeth Rolli und Anja Schweitzer kommen vom Luzerner Theater, wo Pollesch schon eine Art Hausmarke ist. Völlig relaxt wirken die Heidis, um dann in den Text hineinzuspringen, das Tempo anzuziehen. Heidi Hoh, eine aus dem Heer der Telearbeiterinnen, darf hier nicht nur räsonieren über ihre Arbeit, sondern auch über die Bühne wüten, mit allerlei Objekten um sich werfen. "Material verdichten" nennt Pollesch solche Spielszenen. Später fallen Sätze wie "Fuck Housework" oder "Stöpsel Dich nicht in Verhältnisse ein, die Du ablehnst." Ende der Probe.

Bei Pizza und Cola erzählt René Pollesch (Jahrgang 1962), dass er sich nicht als Autor versteht. Was erklärt werden muss bei einem, der die Texte seiner Inszenierungen allesamt selbst verfasst. "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr" sei durch einen Film von Martin Scorsese inspiriert worden. Er sagt: "generiert worden", ein Lieblingswort von ihm. "Etwas fliegt mich an, etwas findet mich, ein Bild aus einem Film, und das denke ich dann weiter." Literatur sei das nicht, wie er sich überhaupt jeden "literarischen Willen" abspricht. Der Titel eines anderen Pollesch-Stücks trifft schon eher seine Arbeitsweise: "Ich schneide schneller". Seit zwei Jahren arbeitet Pollesch ausschließlich mit Frauen. "Auf die Gefahr hin, in ein Klischee abzurutschen: Ich finde, Frauen auf der Bühne haben eine größere Kraft."

Schreiende Frauen. Bei Pollesch müssen die Darstellerinnen gut bei Stimme sein. Sie müssen schnell und auf Anschluss sprechen, weil der Text auf drei Schauspielerinnen verteilt wird. Und sie müssen oft schreien - und tun dies offensichtlich auch mit Lust. Es gehe weniger darum, den Text emotional einzufärben, erklärt Pollesch. Dennoch springt den Zuschauer Aggression an. Schon früh hat Pollesch sich einen Ruf als Komödien-Zertrümmerer erworben. Bereits während seines Studiums in Gießen machte er sich daran, Melodramen und Komödien zu "dekonstruieren". Als Tom Stromberg ihn dann Anfang der Neunziger ans Frankfurter TAT holte, dachte sich der unerschrockene Jungregisseur: In diesen Avantgardetempel setze ich was Billiges. Seine Komödien sollten wie readymades wirken. Stücktitel wie "Harakiri einer Bauchrednertagung" zeugten von der Lust am Katastrophischen und von einer bösen Lustigkeit. Pollesch erfand abwegige Genrebezeichnungen wie "Splatterboulevard" und "Snuff-Comedy". Die Witze seien hundsgemein gewesen, gibt Pollesch zu. Ein Wunder, dass der Schnell- und Vielschreiber nicht längst als Gagschreiber vom Fernsehen abgeworben wurde. Heute hat Pollesch dem "unabgebremsten" Witz abgeschworen. Ist der Mann etwa seriös geworden mit seinen 38 Jahren?

In "Heidi Hoh" erteilt er erneut die Lizenz zum Lachen. Bei allen Gedankensprüngen zieht sich zwar ein gesellschaftspolitischer Diskurs durch den Abend, wo es um die Zukunft der Arbeit, insbesondere um die Arbeit von Frauen geht. Doch auch hier schraubt er den Text ins Irrwitzige und Aberwitzige hinein, so dass sich aller Sinn am Ende pulverisiert. Gesellschaftskritik in "bürgerlichem Format" will Pollesch nicht abliefern. Ob sein Theater eine gelungene Verbindung von Pop und Politik darstellt, oder ob René Pollesch nur der Name einer heißlaufenden Textmaschine ist, darüber wird heftig gestritten. Ob Heidi Hoh, die als Mietwagen-Hostess im Toyota-Showroom arbeitet, nicht doch insgeheim eine Partisanin ist - davon kann man sich heute Abend im Podewil selbst ein Bild machen.Die Theaterwerkstatt "reich & berühmt 2000" findet vom 10. bis 20.5. im Podewil statt. Die Eröffnungspremiere "Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr" läuft vom 10. bis 14.5. um 20 Uhr

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