Pop und Krieg: Zaza Burchuladze : Hauptsache richtig angezogen

Konsumgier, Langeweile und Hedonismus in Georgien zur Zeit des Kaukasuskrieges: Zaza Burchuladzes provokativ-verzwickter Pop- und Kriegsroman "Adibas"

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Das "Daydream-Nation"-Plattencover mit Richter-Kerze als Feuerzeug: Der georgische Autor Zaza Burchuladze, geboren 1973 in Tiflis
Das "Daydream-Nation"-Plattencover mit Richter-Kerze als Feuerzeug: Der georgische Autor Zaza Burchuladze, geboren 1973 in TiflisFoto: null

Die Aufmachung dieses Buches lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Dies ist ein Pop-Roman. „Adibas“ heißt er in Anlehnung an den weltweit bekannten Herzogenraucher Sportartikelhersteller mit den drei Streifen. Sein Logo prangt leicht abgewandelt über dem Titel, alles in schön goldenen Lettern und Zeichen auf braunschwarzem, ledrig anzufühlenden Buchcover-Grund. Ein Retro-Original.

Zaza Burchuladze heißt der Autor von „Adibas“. Er wurde 1973 im georgischen Tiflis geboren , lebt seit Januar 2014 in Berlin und zündet sich auf seinem Autorenfoto stilecht eine Zigarette an Gerhard Richters Kerze an, die das Cover des Sonic-Youth-Albums „Daydream Nation“ ziert. Pop! Und hinten auf dem Buchrücken steht: „Stell Dir vor, es ist Krieg und du bist falsch angezogen“.

Tristesse Royale, könnte man sagen, in Erinnerung an die Adlon-Popschriftsteller um Christian Kracht, Benjamin v. Stuckrad Barre et al von Ende der neunziger Jahre. Nur war bei denen die Sehnsucht danach, das endlich mal was passiert, ein Krieg womöglich, so groß, weil ihre eigene, wohlsituierte Realität so wenig hergab. In Zaza Burchuladzes Roman jedoch, der 2009 in seiner Heimat erschien, herrscht tatsächlich Krieg: der zwischen Georgien und Russland im Jahr 2008. Dieser vermittelt sich dem Ich-Erzähler entweder medial, da sieht er im Fernsehen, wie eine Panzerkolonne über die Autobahn rattert. Oder im Straßenbild von Tiflis, wo er lebt, in Form von Straßensperren oder Werbetafeln der georgischen Armee, auf der ein Soldat zu sehen ist, der fordert: „Entscheide dich für die Reservisten.“ Die Entscheidung bei Burchuladzes Erzähler fällt jedoch ganz anders aus: „Ich spüre, dass ich langsam geil werde. Der Soldat hat eine aphrodisierende Wirkung auf mich.“

Warum nicht eine Band wie Franz Ferdinand gründen und diese dann Gavilo Princip nennen?

Ums „geil werden“, um Sex, Drogen, Markenklamotten - und artikel, Parties, Pop und Filmaufnahmen dreht sich alles in diesem Roman, der keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern aus einzelnen Episoden besteht, in die wiederum Fake-Logos von Armani, Kenzo, McDonalds oder Everlast montiert sind. Ein Fake, das ist womöglich das Leben der jungen Leute in den besseren Vierteln von Tiflis, eine Mischung aus Konsumgier und Hedonismus, in die der Krieg nichtsdestotrotz immer wieder hineinragt: mit seinen Bildern, im Fernsehen, den Jagdflugzeugen am Himmel, seinen ganz eigenen Ansprüchen: Amiko, der Schwimm- Fitnesstrainer, dessen Körper „ungefähr auf dem Level von Schwarzenegger“ ist, wird plötzlich eingezogen. Wichtiger für viele von Burchuladzes Figuren ist trotzdem die Frage: Soll man nicht auch mal eine Band wie Franz Ferdinand gründen und diese Gavilo Princip nennen, nach dem  Franz-Ferdinand-Attentäter und 1.Weltkriegs-Auslöser? Soll man ins neue Chinkalirestaurant „Blue Velvet“ oder in die neue französische Patisserie „Skrjabin Donuts“?

Zaza Burchuladze erzählt einerseits von der gelangweilt-dekadenten postsowjetischen Jeunesse doré seiner Heimatstadt, lässt andererseits in seiner zum Teil schmucklosen, zum Teil von diversen formalen Experimenten durchzogenen Prosa aber immer offen, ob diese Haltung nun betonte Ignoranz, bloßer Eskapismus oder bewusste Realitätsverschiebung ist. Ein Tanz auf dem Vulkan ist es allemal – ein Tanz wie man ihn aus den frühen Romanen des Ukrainers Serhij Zhadan („Depeche Mode“, „Anarchy In The UKR“) oder der Serbin Bettina Markovic („Ausgehen“) kennt. In all diesen Romanen geht es um eine Generation, die sich, wie jede junge Generation, unangepasst gibt, sich aber inmitten eines großen gesellschaftlichen Transformationsprozesses befindet, kriegerische Auseinandersetzungen inklusive.

Die (Pop-)Provokation fällt dabei so umso größer aus und geht auch nicht ins Leere, wie Zaza Burchuladze schon am eigenen Leib erfahren musste: Sein Weggang aus Tiflis war kein freiwilliger, er wurde bedroht, verfolgt und einmal auch auf offener Straße zusammengeschlagen. 

Zaza Burchuladze: „Adibas“. Roman. Aus dem Georgischen von Anastasia Kamarauli unter Mitarbeit von Tom Müller. Blumenbar Verlag, Berlin 2015, 189 S., 18 €.

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