Andere Meinung : Wilco kommen erst spät auf Touren

Lange enttäuschten Wilco bei ihrem Auftritt im Admiralspalast am Montag und spielten ohne Feuer und Leidenschaft. Doch angetrieben von ihren Fans drehte die US-Band aus Chicago später doch noch auf.

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Wilco bei ihrem Auftritt im Admiralspalast.
Wilco bei ihrem Auftritt im Admiralspalast.Foto: Davids/Huebner

Die Theaterbühne des Admiralspalastes ist vollgestellt mit jeder Menge Zeug: Verstärker, Mikrofone, Effektpedale, Monitorboxen, Keyboards, Schlagzeug und ein riesiges Arsenal von Gitarren. Nach kurzem trötendem Intro stehen auch die Musiker von Wilco dazwischen, legen los mit dem Song "Wilco (The Song)" vom jüngsten Album "Wilco". Während auf der Platte der instrumentale Untergrund ein bisschen an Velvet Underground erinnert, klingt in der heutigen Konzertversion eher das Geriffe der frühen Kinks an. Jeff Tweedy in obligater
Jeansjacke drischt in eine rote Rickenbacker-Gitarre und singt "Wilco love you!" Es ist eine Liebe, die von den Fans im ausverkauften Theater mit orkanartigem Jubel zurückgegeben wird.

Das erinnert an die Fans eines Fußballclubs, die ihren Verein aus leidenschaftlicher Treue auch mit der gleichen Vehemenz anfeuern, wenn er einmal nicht so gut spielt. Zu zerfahren, zu wirr ist das Zusammenspiel, zugespielte Bälle kommen nicht an. Es fehlen Feuer, Leidenschaft, Spielfreude. Und Tweedy singt so vor sich hin. Drei Gitarren spielen parallele Soli, anpsychedelisiertes Rödeln, doch es zündet nicht, wirkt zu starr, bleibt ausdruckslos.

Trotzdem begrüßen die Zuhörer jeden einzelnen Song nach den ersten Takten mit geradezu rührend hartnäckigem Enthusiasmus. Wie beim Fußball: wir stehen zu unserem Verein, da muss doch noch was gehen. Aber erstmal nicht. Woran mag es liegen, dass diese Band aus Chicago, die live eigentlich immer so viel aufregender war als auf Platte, diesmal so fahrig daherkommt, dass die kakophonischen Ausbrüche zwischen warmem Wohlklang diesmal eher nerven als erfreuen? Liegt es am schlechten Sound, der zumindest oben auf dem Balkon unangenehm klirrend metallisch ankommt? Oder liegt es am würdevollen Theater-Ambiente mit artiger Bestuhlung, dass kein richtiges Rock 'n' Roll-Gefühl bei den Spielern aufkommen kann.

Doch die Fans bleiben eisern. Eine enttäuschend ausdruckslose Version von "A Shot In The Arm" vom 1999er Album "Summer Teeth" bejubeln sie genauso vehement wie die zu sehr zerkrachte Coda am Ende der hübschen Beatles-Harmonien von "Poor Places" vom Album "Yankee Hotel Foxtrot" aus dem Jahr 2002. Oder die Destruktion der feinen Akustikgitarren-Ballade "Via Chicago" durch den viel zu lauten, sonst so schön entfremdenden Lärmangriff mittendrin, der die eigentliche Melodie, statt sie unterm wüstem Gekrache noch sachte durchschimmern zu lassen, gnadenlos zerpoltert.

Aber wie es auch im Fußball immer wieder passiert, dass die beständige Anfeuerung durch die treuen Fans ein langweiliges Spiel noch einmal drehen kann, geschieht auch hier das Erstaunliche: nach etwa einer Stunde begrüßt ein munter gelaunter Jeff Tweedy das Publikum, und bedankt sich freundlich, dass alle gekommen sind. Und in der zweiten Halbzeit wird es doch noch ein außerordentlich gutes Spiel. "Jesus, Etc." sprüht vor Leidenschaft, und die Band findet auf wundersame Weise zu traumhafter Harmonie. Der baumlange
Gitarrist Nels Kline, der bislang eher enttäuschend leere Phrasen gedroschen hat, spielt exquisite Lap-Steel-Licks. Bassist John Stirrat, neben Tweedy einziger "Ur-Wilco", singt gefühlvolle zweite Stimmen, Glen Kotche treibt an mit hämmerndem Schlagzeug, und der
versierte Multiinstrumentalist Pat Sansone garniert im Wechsel mit diversen Gitarren und Keyboards.

Das vielleicht schönste Stück des Abends ist "Hate It Here" vom Album "Sky Blue Sky" (2007) mit groovend swingenden Soul und wunderbar schluckender Hammond-Orgel von Mikael Jorgensen, sowie Tweedys anrührendem Gesang in Normal- und in Fistellage. "Thanks for
standing", sagt er begeistert, denn die Leute im Parkett hat es nicht mehr in ihren Sitzen gehalten. Inzwischen stehen alle. Und jetzt geht es richtig los: mit einer umwerfenden Version von "Theologians", wo sich Tweedy stark an John Lennons Stimme anlehnt, wie auch bei "I'm
The Man Who Loves You" mit schwerem Gefunke. In der Zugabe noch das wunderbare "California Stars" aus dem Album "Mermaid Avenue", für das Wilco gemeinsam mit Billy Bragg bislang unveröffentlichte Texte der amerikanischen Folk-Legende Woody Guthrie vertont haben.

"Walken" beleiht elegant Fats Dominos "I'm Walking", mit New Orleans-R&B, um schließlich in eine an Little Feat geschulte Boogie-Orgie mit heißer Slide-Gitarre überzugehen. Auch wenn Wilco in Berlin schon bessere Konzerte gegeben haben, war auch dies, zumindest in der zweiten Hälfte, eine wahre Freude.

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