Auftritt der Woche : Gütiger Himmel

Gitarre weg, Keyboarder auch, und der Sänger will plötzlich tanzen. Können sich Die Sterne einfach so neu erfinden?

Sebastian Leber
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Zwei Sterne. Bassist Thomas Wenzel (links) und Frank Spilker.Foto: Label

Die Besucher des Immergut-Festivals sind eigentlich höfliche Menschen. Wenn ihnen eine Band nicht gefällt, schmeißen sie nicht gleich mit Bierbechern oder Dreck, wie anderswo üblich. Nein, auf dem kleinen Festival in Neustrelitz stellen enttäuschte Fans bloß das Tanzen ein. So war es diesen Sommer, als Die Sterne erstmals ihre neuen Songs präsentierten. Hinterher wurde getuschelt: Was ist denn in diese Typen gefahren? Machen die jetzt Clubmusik?

Die Sterne haben sich verändert, das kann man sehen und hören. Sie sind nur noch zu dritt, der Keyboarder ist nach fast zehn Jahren ausgestiegen. Die neuen Songs kommen auch ohne Gitarre aus, dafür hat die Stimme von Sänger Frank Spilker jetzt Echohall.

Soeben hat die Band aus Hamburg eine Maxi veröffentlicht, sie heißt „Der Riss“ und hat bloß drei Stücke. Damit tourt die Band gerade durchs Land, diesen Montag spielt sie im Lido in Kreuzberg. Seit 17 Jahren gibt es Die Sterne inzwischen, sie gelten als eine der wichtigsten, auf jeden Fall einflussreichen deutschen Bands. Früher wurden sie für ihre geschliffenen Texte gefeiert, auf der neuen Platte heißt es plötzlich nur noch: „Deine Pläne stehen … Deine Pläne stehen … Deine Pläne stehen … Du solltest meine sehen!“ Kann man sich nach so langer Zeit einfach neu erfinden, fragen sich die Kritiker.

Bewegung auch auf der Bühne

Anruf bei Frank Spilker, dem Sänger. Er sitzt gerade im Auto, die Band fährt nach Köln, sechs Stunden bis zum nächsten Auftritt. „Klar können wir reden“, sagt er. Er will sich nur kurz die Jacke ausziehen, es ist so heiß im Auto. Telefoninterviews mit Frank Spilker haben den Vorteil, dass man nicht ständig seinen Kopf in den Nacken werfen muss. Der Mann ist zwei Meter groß. „Es ist ja kein Neuanfang, keine Revolution“, sagt er. „Doch es war Zeit für ästhetische Veränderungen.“ Sicher, die Fans müssten sich erst gewöhnen. „Aber sie sind neugierig, das zählt.“ Wenn sie zu Beginn eines neuen Songs noch stillstehen, am Ende schon mitwippen, dann sei das ein gutes Zeichen. Und die alten Ohrwürmer gibt’s weiterhin, von „Universal Tellerwäscher“ bis „Swinging Safari“.

Bewegung passiert jetzt auch auf der Bühne: Weil Spilker öfter seine Gitarre weglegt, kann er das Mikro in die Hand nehmen und sich frei bewegen, statt ewig am Mikrofonständer zu kleben. Endlich darf er tanzen, nach 17 Jahren Mikrofonständerhaft.

"Deine Pläne stehen ..."

Die Trennung von Richard von der Schulenburg, dem Keyboarder, war weniger schön. Die neuen Songs hat er zwar mit erarbeitet, das Ergebnis fand er aber so schrecklich, dass er die Veröffentlichung unbedingt verhindern wollte – obwohl die anderen Bandmitglieder begeistert waren. Also wurde der Keyboarder „auf dem Altar der Wiedergeburt geopfert“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Jetzt am Telefon muss Spilker selbst über diese Formulierung lachen. Aber er sagt auch: „Ich verstehe nicht, dass sich einer so querstellen kann.“

Es gibt auch ein neues Video, das spielt in einem Lokal mit schrecklich altmodischer Tapete und fiesen Gardinen, und während der Sterne-Frontmann „Deine Pläne stehen ...“ singt, tanzen um ihn herum Menschen, die wirklich fertig aussehen. Das Video haben sie in Berlin gedreht, im Vereinsheim des Lichtenberger BVB. Das Tolle an diesem Ort: „Seit 1989 scheint hier keiner was verändert zu haben“, sagt Spilker. Vor zehn Jahren haben Die Sterne schon mal ein Video in Berlin aufgenommen. Da ritt Spilker auf einem Pferd am Adlon vorbei und sang: „Wir sind viele und wir sind zu zweit, wir sind Big in Berlin tonight.“ Auch damals haben manche an seinem Verstand gezweifelt. Das Lied wurde ein Hit.

- Die Sterne im Lido ab 21 Uhr, 18 Euro


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