B-52s : Hummer hat noch Hunger

Sie sind zurück, und das ist ein Ereignis, denn der alte Schwung ist noch da. Eine Spaßkapelle macht Ernst: die B-52s in der Zitadelle Spandau.

Bodo Mrozek
Pierson
Muskelspiele. Sängerin Kate Pierson ist noch immer gut bei Stimme. -Foto: Davids

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, da macht auch dieses keine Ausnahme. Die Trendwende hatte sich angekündigt. Zuerst wurde sie auf dem Kopf der britischen Skandal-Sängerin Amy Winehouse gesichtet, dann tauchte sie 2007 auf einer Chanel-Modenschau von Karl Lagerfeld gleich dutzendweise auf. Selbst in der „Vogue“ ist sie mittlerweile wieder zu sehen. Die Rede ist von der Beehive. Die sogenannte Bienenkorbfrisur, eine zum Turm toupierte Damenfrisur aus den Sechzigern, die man zuletzt nur noch bei Marge Simpson gesehen hatte, ist wieder gesellschaftsfähig.

Da war es nur noch eine Frage der Zeit bis auch die B-52s wieder auftauchen würden. Schließlich hatte sich die 1976 in Athens, Georgia, gegründete Band weder nach dem berüchtigten Langstreckenbomber noch nach dem gleichnamigen Cocktail benannt. Sondern nach den Frisuren ihrer Sängerinnen Cindy Wilson und Kate Pierson.

„Das Comeback des Jahres“ steht in großen Lettern an der Bühne der Spandauer Zitadelle. Das mag etwas übertrieben sein, aber dass die B-52s wieder zurück sind, ist ein Ereignis. Man sieht den Musikern, die da fröhlich auf die Bühne gehüpft kommen, ihr Alter nicht an. Das mag am Rampenlicht oder der Schminke liegen. Das Publikum im halbvollen Burghof stellt mehrheitlich die Generation 40 plus. Nicht zu leugnen: Die Teenagertage, als man zu dieser Musik im Ballhaus Spandau noch einen fröhlichen Pogo hüpfen konnte, sind schon seit ein paar Jahren vorbei. Die Stimmung in der Zitadelle ist ein wenig wie beim silbernen Abiturtreffen. Die ersten Akkorde beenden das Gefühl des Fremdelns. Frontmann Fred Schneider hat ein paar Sätze Deutsch gelernt: „Dies ist Mesopotamia!“ ruft er aus. Damit meint er nicht etwa den Bezirk Spandau (der glatt als Zweistromland zwischen Spree und Havel durchginge), sondern das Stück vom gleichnamigen Album, das David Byrne 1982 produziert hat.

Lange war es still um die Band gewesen, die den Sound der Achtziger prägte wie nur wenige andere. Ein paar Einzeltitel, eine Best-of-Compilation, das Titelstück zu einem Kinderfilm. Dann, im März, die Überraschung: Mit „Funplex“ erschien nach 16 Jahren wieder ein neues Album. Die New-Wave-Heroen orgeln darauf in alter Frische ihren charakteristischen Mix aus Rock und flächigen Synthie-Teppichen, darüber wie immer Nonsens-Texte, gelegentlich mit etwas Konsumkritik angereichert. Doch bringen sie es noch live? Skepsis scheint angebracht.

Zwei E-Gitarren, Bass, die Orgel, und zum Spaß Kuhglocke, Rasseln, Bongos, eine Vogelstimmenflöte. Spätestens das Stück „Private Idaho“ beweist, dass der alte Schwung noch da ist. Das ist der hart gehämmerte Eighties-Sound, den so vielleicht nur noch DAF hinbekommen haben. Sicher, Cindy Wilson überlässt die schrillen Töne heute lieber ihrer Kollegin Kate Pierson, die noch besser bei Stimme scheint. Aber das außerirdische Science-Fiction-Kreischen der beiden Sirenen gehört zum Weltraum-Pop der Band nun mal dazu wie der Nietengürtel zum New-Wave-Kostüm. Frontmann Fred Schneider schlägt derweil auf dem Glockenspiel auch mal daneben, nimmt es aber mit Humor. Das Publikum verzeiht großzügig.

Bei alledem lassen die B-52s, die inzwischen das Apostroph im Namen verloren haben, keinen Zweifel daran, dass es ihnen eben nicht um ein Klassentreffen geht. Und schon gar nicht darum, Evergreens zu kultivieren. Sie sind auf Promo-Tour für das neue Album und wollen sich als Gegenwartsband beweisen. Den Schwerpunkt bilden klar die Stücke der neuen Platte mit Titeln wie „Love in The Year 3000“ oder „Keep The Party Going“. Das scheint überhaupt das Motto zu sein. Die Hits „Rock Lobster“ und „Planet Claire“ gibt es als Zugabe, nicht als Hauptgericht. Ein wenig atemlos dazu, gerade so als wollten sie die Vergangenheit schnell hinter sich bringen. Sonst ist noch immer alles dabei, was die vielleicht ambitionierteste Spaßkapelle der Achtziger schon immer ausgemacht hat. Mit einer Ausnahme: Kate und Cindy tragen die Haare offen.

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