Beatles : 13 Songs, die unser Leben veränderten

PLEASE PLEASE ME
Single (1963)
Die Liverpooler Frühzeit, die legendären Auftritte im Hamburger Star Club kannten in Deutschland zunächst nur ein paar Eingeweihte, Musikerfreunde und die Mädchen von der Reeperbahn. In den Sommerferien 1963 war ich mit 15 als Gastschüler in England und ging mit einer Freundin zum Tanzen. Das war im Seebad Weston super Mare, nahe Bristol, dort gab’s noch keine Discos, dafür aber richtige alte Tanzpaläste mit Bands, die gerade Twist spielten und mal ein bisschen rockten. In so einem wunderbaren Riesenschuppen erwähnte meine englische Freundin, dass auf der Bühne da vorne (fünf Meter vor uns) am vergangenen Wochenende eine viel bessere Band gespielt habe, vier Jungs mit komischen Frisuren, die seien gerade dabei, richtig populär zu werden. Sie hießen „The Beatles“. Nie gehört. Im britischen Fernsehen sah ich sie dann in jenem Sommer ’63 zum ersten Mal, vielleicht war’s in einem Vorläufer der wenige Monate später gegründeten BBC-Kultsendung „Top of the Pops“. Doch nach dem Ende der Sommerferien hörten wir sie plötzlich auch in Deutschland, auf AFN oder Radio Luxemburg, und es kamen die ersten Berichte über englische Teenager, die angesichts der sogenannten Pilzköpfe ganz außer sich gerieten.

Das war der Sommer von „Please Please Me“, und ich hatte John, Paul, George und Ringo leibhaftig um wenige Tage verpasst. Mit einem Schlag aber gehörten diese zunächst noch simplen Songs über meist eher ungeschickte junge und eher misslingende Lieben (bei „Please Please Me“ will das Girl nicht so recht, was der Boyfriend will) zu unserem Lebensgefühl: dieser halb raue, halb sentimentale und doch mit den ersten coolen yeahs schon so vital einfache Sound der drei E-Gitarren mit dem Schlagzeug und den drübergespielten, eingeskiffelten Mundharmonika-Akkorden von John Lennon. Drei Jahre später hatte ich dann Karten für die Beatles im Münchner Circus Krone, aber es war der Vorabend meines Lateinabiturs. Eine Freundin zeigte mir danach das Kugelschreiber-Autogramm von Paul auf ihrem tagelang ungewaschenen Handballen (sie war ihm im Circus Krone tatsächlich auf dem Weg zur Toilette begegnet). „I Want To Hold Your Hand“? Paul war damals der große Mädchenschwarm. Aber ich hätte noch lieber eine von John beschriebene Hand gehalten. Peter von Becker

I WANT TO HOLD YOUR HAND

Single (1963)

Immer wieder einmal kommt die pathetische Frage nach dem einen Song, der einen maßgeblich geprägt habe, der Song, der entscheidend gewesen sei für das weitere Leben. Meine nicht minder pathetische Antwort: Alles, was ich heute bin, was ich war, was ich wurde über die Jahre - Sänger, Gitarrist, Autor, Rockjournalist – geht zurück auf das eine, vielleicht alles entscheidende Lied: "I Want To Hold Your Hand".

Zu Beginn des Jahres 1964 traf es mich wie ein Schlag, Stromschlag, Donner und Blitz. Gleichzeitig mit der Pubertät kamen die Beatles – vier junge Typen aus England mit unglaublichen Frisuren und einer ungeheuren Energie und Frische. So etwas hatte ich noch nicht gesehen, nicht gehört. Dada-damm-dada-damm, zwei schepperige Akkorde auf elektrischen Gitarren, dazu Bass und Schlagzeug. Das war besser als Freddy Quinn, „Die Gitarre und das Meer“, besser als Tom Dooley, besser als Gus Backus und Jan & Kjeld, und alles andere davor. Und dieser elektrisierende mehrstimmige Gesang, den ich zwar nicht dem Wortlaut nach verstand, aber trotzdem sofort begriff. Dada-damm-dada-damm ... Oh yeah ah-ah-ah tejuh sah-hahm-sink, dadadada-damm, ah hohp juh andahstäähhnd. Ein neuer Sound, ein neues Gefühl, mitreißend, voller Lebensfreude. Eine neue Farbe in der Öde der biedergrauen Bundesrepublik, wo es immer noch wimmelte von alten Nazis, wo uns die Lehrer mit dem Rohrstock schlugen, wo es zu Hause Backpfeifen gab und wir den Mund zu halten hatten. Was für eine Befreiung! Alles erschien in einem neuen Licht, noch bevor die Stones und die politische Protestbewegung ins Rollen kamen. Dada-damm-dada-damm. Da wollte ich auch Gitarre spielen, als 13-Jähriger, nicht mehr so wie Freddy, „Junge, komm bald wieder“, sondern elektrisch, wild und scheppernd wie die Beatles, dada-damm-dada-damm, "I want to hold your haaaaand…", spielen wie George Harrison und singen wie John Lennon. Ich wurde Musiker, hatte eine Band, sang und spielte elektrische Gitarre, schrieb eigene Songs. Der Auslöser waren die Beatles und „I Want To Hold Your Hand“. Selber gespielt habe ich den Song allerdings nie. Jetzt probiere ich es mal wegen all der Erinnerungen: Dada-damm-dada-damm – C-C-D-C-C-D. Aber mit welchem Akkord beginnt der Mittelteil? "And when I touch you I feel happy…" - A-moll? "Keine schlechte Idee", sagt der Berliner Singer/Songwriter Chris Deschner, der alles immer im Kopf hören, und sofort die entsprechenden Akkorde nennen kann. "Eine interessante Frage. Die einzelnen Töne der Gesangsmelodie würden tatsächlich einen A-moll-Akkord ergeben", sagt er, "aber es ist D-moll. Man hört das, wenn man sich an Paul McCartneys Basslinie orientiert. Daraus ergibt sich ein D-Moll. Eine ungewöhnliche Wendung, weil D-Moll eigentlich nicht zu G-Dur passt, der Tonart, in der der Song geschrieben ist. Aber solche überraschenden Wechsel haben die Beatles eben schon damals gekannt und deswegen waren sie auch so besonders, so herausragend!" Wie wahr. Und wir erfreuen uns heute noch daran. Dada-damm-dada-damm. H.P. Daniels


YESTERDAY
Help (1965)

„Yesterday“ gehörte von Anfang an zu den Beatles-Songs, die nicht nur geliebt, sondern auch gehasst wurden. War das etwa nicht eine Schnulze? „Yesterday“ schien der Beweis dafür zu sein, dass man den harmoniesüchtigen Paul McCartney nicht alleine lassen darf – als Komponisten werden zwar, wie bei den Beatles üblich, McCartney und John Lennon angegeben, aber „Yesterday“ war ganz allein Pauls Werk. Ein kleines, kurzes Lied, nur zwei Minuten lang, dessen Melodie ihm, so die Legende, im Schlaf eingefallen ist. Sogar McCartney selbst kam die Melodie von Anfang an irgendwie bekannt vor, bis heute tauchen immer wieder Plagiatsvorwürfe auf. Das verläuft alles im Sande. „Yesterday“ ist in Wirklichkeit etwas Ähnliches wie ein Soßenfond – das, was herauskommt, wenn man alle sentimentalen Liebeslieder der Geschichte zusammenwirft und sie gemeinsam ganz langsam einkocht. Der Komponist dachte eher an Rührei.

Als provisorischen Arbeitstext verwendete McCartney die Zeilen: „Scrambled eggs – oh my baby, how I love your legs“, der endgültige Text fiel ihm beim Strandurlaub in Portugal ein. „Yesterday“ steht als meistgespielter Song der letzten Jahrzehnte im Guinness-Buch der Rekorde, es gibt etwa 3000 Coverversionen. Ich habe Verständnis für alle, denen „Yesterday“ auf die Nerven geht. Mir ging der Song auch lange auf die Nerven. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, wie großartig er ist und wie viel man von ihm lernen kann. „Yesterday“ enthält nicht nur die Essenz eines traurigen Liebesliedes, sondern auch die Essenz der Kunst. Das Lied ist ganz schlicht, wie es scheint, es will zu keiner Sekunde hoch hinaus. Gestern war es schön, heute ist es nicht mehr schön, fertig. Das Lied will, wie es scheint, nicht beeindrucken, es trägt sich selbst, deshalb wirkt es wahr und ergreift Millionen von Hörern. Wie oft wird man, bei jeder kreativen Arbeit, zum Opfer eines falschen Ehrgeizes und verkünstelt sich. Man muss es einfach machen statt kompliziert, man muss sich von seinem Gefühl tragen lassen. Man muss wissen, was man ausdrücken möchte. Man muss es so ausdrücken, dass man verstanden wird. Harald Martenstein

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