Berliner Musikfest : Erste Stimme

Am Anfang schuf Karlheinz Stockhausen den Ton B. Und das B war tief und durchdringend. Und es war finster in der St. Johannes-Evangelist-Kirche, als das Theatre of Voices mit dem Vokalwerk "Stimmung" das Präludium zum "Musikfest Berlin 08" begann.

Daniel Wixforth

 Wahrlich hat die musikalische Darbietung, die sich langsam auf dem Grundton B aufbaut, starke spirituelle, ja religiöse Züge. Das mag an dem sakralen Aufführungsort oder an Stockhausens Ruf als Guru der Avantgarde liegen, vor allem liegt es aber am Werk selbst und der Interpretation des von Paul Hillier geleiteten Sextetts.

Eine runde Bühne in der Mitte der Kirche, darauf eine leuchtende Kugel, drum herum sechs Sitzkissen. Die Sänger betreten in weißen Gewändern die Bühne und beginnen zu singen. Weit über eine Stunde. Ohne Pause. Was man hört ist eine variable Art musikalischer Kommunikation in der – ganz nach den Vorstellungen des Komponisten – ein Klanggeflecht aus gesungenen Stimmen und Obertönen entsteht. Tatsächlich sind diese den ganzen Abend über in faszinierender Deutlichkeit wahrzunehmen. Das Theatre of Voices, das sich neben Alter Musik intensiv den Werken zeitgenössischer Komponisten widmet, überzeugt durch eine Mischung aus musikalischer Präzision und improvisatorischer Leichtigkeit. Stockhausen selbst kannte und schätzte die „Stimmen“-Interpretation des 1990 in den USA gegründeten Ensembles. Der klare Ausdruck der Sänger und Sängerinnen, sowie die hallende Akustik der Kirche schaffen eine Atmosphäre irgendwo zwischen mittelalterlicher Gregorianik, dem Ritual einer modernen Sekte und berauschenden Vokalklängen. Dennoch muss man wohl gewisse Affinitäten aufbringen, gegenüber Stockhausens Musik und dem Mythos, der den im Dezember 2007 verstorbenen Komponisten umgibt, um den Abend musikalisch richtig schätzen zu können. Das Publikum in der ausverkauften Kirche tut dies: Konzentrierte Stille in den Reihen, hier und da geschlossene Augen, vereinzelt sogar Meditation. Nach 75 Minuten ward es dann wieder Licht. Stockhausen sei Dank! Daniel Wixforth

0 Kommentare

Neuester Kommentar