Berliner Staatsoper : Musentempelhof

Wohin mit der Staatsoper in der Sanierungsphase? Es gibt eine ideale Ersatzspielstätte: den Flughafen.

Erfolg kann eine ziemliche Bürde sein. Weil in der Staatsoper sowohl die Neuinszenierungen wie auch das Repertoire allabendlich zu 87 Prozent ausgelastet sind, hat Stefan Rosinski, der Chef der Stiftung „Oper in Berlin“, ein echtes Problem: Für jene drei oder vier Jahre, in denen das historische Gebäude Unter den Linden ab 2010 kernsaniert wird, muss er ein Ausweichquartier finden, in dem die Staatsoper dieselben Einnahmen generieren kann wie am Stammsitz. Es geht um mehr als 300 000 Besucher und 170 Abende pro Spielzeit.

Für die beiden anderen Berliner Musiktheater sähe die Situation viel leichter aus: In der Deutschen Oper hängen die Zuschauer vor allem an den alten Produktionen aus der Ära Götz Friedrich und zeigen unterdurchschnittliches Interesse an dem, was die derzeitige Intendantin Kirsten Harms herausbringt. Die Komische Oper dagegen lockt ihre Gäste vor allem mit den Premieren, während Stücke, die schon länger laufen, oft miserabel besucht sind. Hier könnte man also im Sanierungsfall durchaus für einige Zeit mal auf „Stagionebetrieb“ umstellen, bei dem einzelne Produktionen nacheinander gezeigt werden. Beim Gemischtwarenladen Staatsoper aber, wo man es allen Zielgruppen Recht machen will, den Touristen ebenso wie den heimischen Fans, den Konservativen wie den Innovativen, würde ein Verzicht aufs Repertoire nach Berechnungen von Opernstiftungsdirektor Rosinski Einnahmeverluste in Höhe von fünf Millionen Euro pro Saison bedeuten. Soll also neben den 230 Millionen Euro Sanierungskosten kein weiterer Zuschussbedarf entstehen, muss die Staatsoper ihren Mix aus Novitäten und Altbestand auch extra muros zeigen, und zwar in der hohen Frequenz wie derzeit Unter den Linden.

Darum scheidet die gerade durch den „Wallenstein“ bekannt gewordene Kindl- Brauerei in Neukölln als Zufluchtsort aus: Peter Steins Klassikerinszenierung konnte hier Kult werden, weil es sich um ein einmaliges Event mit begrenzter Laufzeit handelte. Für einen Spielbetrieb mit wechselnden Stücken aber ist die Industriehalle nicht geeignet. Hier fehlt einfach alles, von Lagerkapazitäten für Bühnenbilder und Kostüme über Probebühnen, Garderoben für Solisten und Chor bis hin zu Stimmzimmern für die Musiker.

Eher bieten sich bestehende Theaterbauten wie der Admiralspalast an. Ein Ort auch mit Staatsoperngeschichte, fand hier doch das Ensemble ab 1945 für zehn Jahre Unterschlupf. Admiralspalast-Betreiber Falk Walter wäre sicher beglückt, das Haus an eine staatliche Institution vermieten zu können. Doch unproblematisch ist die Location nicht: Es gibt hier weder Hinter- noch Seitenbühnen, ein Großteil der bestehenden Staatsopern-Inszenierungen müsste also umgearbeitet werden.

Großzügiger dimensioniert sind die Verhältnisse im Charlottenburger Schiller-Theater. Zudem befindet sich das Haus in Senatsbesitz. Auch bei dieser Variante wären Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe nötig, um das 1993 abgewickelte Staatstheater für den Opernbetrieb umzurüsten. Das Schiller-Theater hat nur einen Nachteil: Es liegt in Sichtweite der Deutschen Oper. So entstünde eine Konkurrenz, von der keiner sicher sein kann, dass sie tatsächlich das Geschäft belebt.

Darum gibt es für die Staatsoper eigentlich nur eine ideale Ausweichspielstätte: den Flughafen Tempelhof. Aus Ost wie West betrachtet absolut zentral gelegen, mit U-Bahn und Parkplätzen vor der Tür. Hier startet man auf einem ganz anderen Level als bei den anderen Standorten. Denn das Gebäude selber ist schon eine grandiose Kulisse – mit Platz ohne Ende. Man sieht diesen Musentempelhof schon vor sich: Der Besucher betritt den Komplex wie gewohnt vom u-förmigen Innenhof – und ist überwältigt: Die schöne, strenge Abfertigungshalle wird von einer steil aufsteigenden Zuschauertribüne dominiert, die beste Sicht von allen Plätzen garantiert. An der Stirnseite befindet sich die Bühne, die vertraute Riesenuhr darüber wirkt wie eine moderne Interpretation jener Zeitmesser, wie man sie aus den Portalen der traditionellen italienischen Opernhäuser kennt. Und zum Finale wird der Blick auf das ehemalige Flugfeld freigegeben. Flutlichtglänzende Aussichten.

Schon im Jahr 2001 träumte Staatsopern-Chefdirigent Daniel Barenboim übrigens davon, die für ihre gute Akustik bekannte Abfertigungshalle nach dem Ende der Flughafennutzung zur Kulturstätte umzufunktionieren.

Seine Visionen für das zu sanierende Stammhaus musste der Maestro dagegen inzwischen wieder auf Normalmaß zurückstutzen: Pläne, einen vierten Rang einzubauen und das Gebäude mit einer Dachterrasse zu krönen, wurden ad acta gelegt. Akustische Verbesserungen im Saal, davon ist zumindest Rosinski überzeugt, lassen sich aber auch ohne eine Aufstockung realisieren. Äußerlich wird die Staatsoper übrigens nicht als friderizianischer Prachtbau wiedererstehen, sondern als DDR-Denkmal: So wie sie Architekt Richard Paulick beim Wiederaufbau 1955 in einer Mischung aus Rokoko- und Fifties-Eleganz interpretiert hatte. Der spektakulärste Teil des Projekts wird jedoch unsichtbar bleiben: Unter der Straße zwischen dem Bühnenhaus und dem Opernpalais soll alles untergebracht werden, was ein modernes Theater an Technik braucht: Aus derzeit 8300 Quadratmetern Nutzfläche müssen dafür 19 500 Quadratmeter werden.

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