Country : Johnny Cashs letztes Album

Der 2003 verstorbene Johnny Cash hat Menschen zur Countrymusik gebracht, die dort nie hin wollten. Seine „American Recordings“-Serie hat sich millionenfach verkauft. Jetzt ist die letzte Folge erschienen. Ein würdiger Abschluss?

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Ins Schwarze getroffen. Der „Man in Black“, Johnny Cash, bei einem Auftritt in Montreux 1994. Foto: dpaepa Keystone

Es ist eine Stimme, die klingt, als würde sie aus dem Reich der Toten zu uns herüberwehen: rau, schwach, ein wenig heiser. „There ain’t no grave / Can hold my body down“, singt sie, begleitet von einer Akustikgitarre, einem Banjo und dem Scheppern eines Tamburins. Am Tag des Jüngsten Gerichts, das weiß der Sänger, wird er von den Toten auferstehen und seinen Platz an der Seite des Herrn finden. „Ain’t No Grave“ heißt der Song, ein Traditional, das seit Generationen im amerikanischen Süden gesungen wird, und der Mann, der es mit brüchiger Stimme interpretiert, ist Johnny Cash.

Cash starb im September 2003, doch jetzt kommt noch einmal ein neues Album von ihm heraus. „Ain’t No Grave“ enthält zehn Stücke, die von der Plattenfirma als allerletzte Aufnahmen des Countrystars angekündigt werden. Es ist der sechste und letzte Teil der „American Recordings“-Reihe, mit denen Cash seit 1994 ein triumphales Comeback gefeiert hatte. Mit den „American Recordings“, initiiert von dem Produzenten Rick Rubin, kehrte Cash, der damals im Country-Mainstream versackt war, auf die große Bühne zurück. Er sang Stücke von Depeche Mode („Personal Jesus“), Nick Cave („The Mercy Seat“), den Nine Inch Nails („Hurt“), Tom Petty („I Won’t Back Down“) und U2 („One“) und eroberte damit ein Publikum, das bis dahin von Country nichts wissen wollte.

„Rubin hat etwas in mir gesehen, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass es noch da war“, hat Cash gesagt. Pathetisch gesprochen geht es bei den American Recordings um Wahrhaftigkeit. Das Bestechende an ihnen ist ihr Minimalismus. Rubin ließ Cash nur von wenigen, meist akustischen Instrumenten begleiten, so lenkt nichts ab von der anrührenden Wärme dieser Stimme und der Lakonie der Texte. Von seiner Kindheit sang Cash, seinem Glauben und immer wieder vom Tod.

Anfang 1999 wurde bei ihm das Shy-Drager-Syndrom diagnostiziert, eine unheilbare, Parkinson-ähnliche Krankheit. Cash konnte nicht mehr auf Tour gehen, immer wieder warfen Krankenhausaufenthalte ihn zurück. Auf „Solitary Man“, dem im Jahr 2000 erschienenen, dritten Teil der American Recordings, war zu hören, wie es um ihn stand: nicht gut. Seine Stimme klang fragil, mitunter atemlos, er sprach oft mehr als dass er sang. Für die Aufnahmen zog er sich auf seine Farm in Hendersonville, Tennessee, zurück, wo er ein Blockhaus zum Studio ausgebaut hatte. Die Arbeit nannte er eine „großartige Reise nach innen“.

Johnny Cash, am 26. Februar 1932 als Sohn einer armen Farmerfamilie in Arkansas geboren, war ein Rebell. Mit dem perkussiven „Boom-Chicka-Boom“-Sound seines Gitarrenspiels brachte er den Geist des Rockabilly in die Countrymusik. Cash begann seine Karriere beim „Sun“-Label in Memphis, wo auch Elvis Presley seine ersten Platten aufgenommen hatte. Mit dem Hit „I Walk The Line“ eroberte er 1956 den ersten Platz der Countrycharts. „Es klang wie eine Stimme aus dem Mittelpunkt der Erde, so stark und bewegend“, hat Bob Dylan gesagt. „Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten.“

Cash war zutiefst religiös, aber er ist immer wieder von seinem Weg abgekommen. 1957 schluckte er während einer Tournee zum ersten Mal ein Aufputschmittel, später war er jahrelang von Amphetaminen abhängig. Seine zweite Frau June Carter, die er 1968 heiratete, half ihm aus der Sucht. Die beherrschenden Themen seines Werks waren „Love, God, Murder“, so der Titel einer Kompilation. „I shot a man in Reno / Just to watch him die“ lauten seine berühmtesten Liedzeilen. Als „Man in Black“, der aus Solidarität mit den Beladenen und Entrechteten dieser Erde ausschließlich schwarze Kleidung trug, kokettierte der Sänger mit seinem Außenseiterstatus. Seine Auftritte in den Gefängnissen von St. Quentin und Folsom, als Livemitschnitt veröffentlicht und in Filmen festgehalten, waren umjubelte Höhepunkte seiner Karriere.

„Ain’t No Grave“, nur eine gute halbe Stunde lang, ist der Epilog der American Recordings. Wenn Johnny Cash zu Akustikgitarrengirlanden und Streicherwolken „Redemption Day“ singt oder mit rissiger Stimme „Dont’t look so sad / I know it’s over“ intoniert, die ersten Zeilen von „For The Good Times“, der Trennungsballade seines Freundes Kris Kristofferson, ist das durchaus berührend. Aber an die besten Songs der Reihe, an „Hurt“, „The Man Comes Around“ oder „Personal Jesus“ reicht dieser posthume Nachlass nicht heran. Am schönsten ist die sparsamst arrangierte Eigenkomposition „I Corinthians 15:55“. Da rezitiert Cash Bibelverse: „Oh death where is your sting?“ Den Tod hat er nicht gefürchtet.

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