''Der Freischütz'' : Geisteropernhaus

Bei der Inszenierung von "Der Freischütz" im Berliner Schiller-Theater wird von den Besuchern Bewegung gefordert - und steht sich selbst im Weg.

Daniel Wixforth

Ein Opernbesuch ist für den Körper normalerweise eine entspannte Angelegenheit. Man nimmt auf gepolsterten Stühlen Platz und saugt Liebe, Hass, Verrat, Tod oder Versöhnung in sich auf. Diese Vorstellung kann sich der Besucher der Opern-Performance „Der Freischütz_GA“, die die Oper Dynamo West derzeit im Schiller-Theater aufführt, schnell abschminken. Denn hier ist Bewegung gefordert.

Die Inszenierung beginnt unmittelbar mit dem Eintritt in das Haus und führt zunächst ins Foyer. Wer jetzt die Hornmotive der Freischütz-Ouvertüre oder gar den böhmischen Wald an der Bismarckstraße erwartet, findet stattdessen Kargheit vor: Keine Requisite, kein besonderes Licht, nur vier Frauen unterschiedlichen Alters, die schweigend auf Stühlen sitzen. Die jüngste von ihnen scheint Agathe zu sein. Wer aber sind die anderen? Und weshalb taucht plötzlich eine quirlige Asiatin auf, die in einem Mix aus Englisch und Koreanisch das Publikum begrüßt? Viele Fragen.

Verwirrung stiften, das ist nicht ungewöhnlich für Produktionen der Oper Dynamo West, die durch ihren besonderen Umgang mit Musiktheater seit 2006 auf sich aufmerksam macht. Die Idee ist stets, Inszenierungen für spezielle Aufführungsorte zu erfinden und die Orte mit dem Inhalt der Inszenierung zu verknüpfen. Da drängt sich das Schiller- Theater förmlich auf. Fast 60 Jahre Theatergeschichte hat es seit seiner Neuerrichtung 1951 aufzuweisen und harrt nun – von Gastspielen abgesehen – auf seine Sanierung für den provisorischen Einzug der Staatsoper 2010.

Die Aufführung kann in diesem Fall wohl passender als „Führung“ beschrieben werden. Man ist mittlerweile im Saal angekommen. Während die Zuhörer sich vor die Bühne hocken dürfen, singen Agathe (jetzt anders besetzt) und Ännchen, auf den Rängen umhertanzend, das Duett „Schelm! Halt fest!“ aus dem zweiten Akt. Der klare Ausdruck der Sängerinnen (Sophie Witte, Katrina Krumpane) entschädigt für die dünne Begleitung am E-Klavier. Diese Nummer bleibt eine von lediglich dreien, die aus der Freischütz-Partitur übernommen werden. Man wandert weiter durchs Theater, wird Zeuge einer von Max (Richard Nordemalm) mäßig interpretierten Zusammenfassung der Wolfsschluchtszene und erlebt den Höhepunkt: In blauem Dämmerlicht singt Agathe auf den Gängen unterm Dach ihre Cavatine „Und ob die Wolke sie verhülle“, fabelhaft elegisch nur von einem Solo-Cello (Agnieszka Dziubak) begleitet.

Hier ein Ende zu setzen, hätte der Inszenierung gut getan. Stattdessen verlängert Regisseurin Janina Janke den Abend mit einer halbstündigen Filmeinspielung. Der Streifen zeigt die unterschiedlichsten Facetten des leer stehenden Theaters, immer wieder angereichert durch Auftritte der „Freischütz“-Protagonisten. Die Verbindung von Opernhandlung und Schiller-Theater wirkt allerdings stark erzwungen. Letztlich bleibt die Inszenierung zu viele Antworten schuldig, steht sich selbst im Weg und reicht so nicht ans Niveau ihrer durchaus faszinierenden Idee. Die hinreißenden Stimmen aber entschädigen – wie auch der Rundgang durch sonst unzugängliche Bereiche des Hauses. Daniel Wixforth

Noch einmal heute, 20 Uhr.

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