Festspiele in Bayreuth : Der Stillsteher und die Sprinterin

Implosion und Explosion: Marthalers "Tristan“ und Katharina Wagners "Meistersinger“. Zu den Wiederaufnahmen in Bayreuth.

Christiane Peitz

Manchmal ist es in Bayreuth am schönsten, wenn nicht zusammenpasst, was zusammengehört. Wenn die Stimme einer Frau das Geschehen auf der Bühne überwindet, eine Wagnerweltsekunde lang.

Iréne Theorin, die neue Isolde, zerschlägt im zweiten Akt von Marthalers „Tristan“ die Tristesse der Inszenierung mit ekstatischem Gesang. Die Leuchtkraft ihres Soprans erhellt die Liebesnacht, schleudert Blitze und glühende Pfeile in Marthalers Trübnis.

Michaela Kaune wiederum, die neue Eva in den „Meistersingern“, konterkariert Katharina Wagners persiflierende Inszenierung des Familienkitschidylls im dritten Akt. Mit berückender Bangigkeit hebt sie an zum Quintett, der musikalisch bewegendsten Szene der Oper. Die verzweifelte Zärtlichkeit ihres Gesangs rettet wenigstens die Sehnsucht vor der Verdammung des Eheglücksversprechens. Explosion, Implosion: zwei Arten, dem Wagner-Regietheater Paroli zu bieten.

Christoph Marthalers „Tristan“, seit der Premiere 2005 zum dritten Mal auf dem Spielplan, und Katharina Wagners „Meistersinger“, ihr gehyptes BayreuthDebüt von 2007: Die Wiederaufnahmen am Wochenende nach der Festspiel-Eröffnung mit Stefan Herheims „Parsifal“ (Tsp vom 27. 7.) markieren die Extreme eben jenes Regietheaters von heute. Hier Marthaler, der Eigenbrötler und Totalverweigerer, dort Katharina, die Aktionistin und G’schaftlhuberin. Und doch lösen beide Unbehagen aus und wecken einen ähnlichen Verdacht: dass es hier weniger der Kunst gilt als der eigenen Kunstfertigkeit.

Man möchte unentwegt seufzen: Immer noch hängen Neonkringel-Sterne über der „Tristan“-Szenerie, immer noch schlendert eine total desinteressierte Isolde im blaugrauen Strickkleid über das schäbige Zwischendeck des Ozeandampfers, immer noch dirigiert Peter Schneider nicht gegen das Regie-Vakuum an, sondern bescheidet sich nach einem täppischen Vorspiel mit diesseitig nüchterner, jedes zauberische Amalgam abtötender Musik: bloß keine Panik auf der Titanic – und Erotik schon gar nicht.

Dagegen die Schwedin Iréne Theorin: ein Organ wie ein Orkan, eine mitunter unkontrolliert flackernde, schwer textverständliche und doch alle Mäßig- und Mittelmäßigkeit der Aufführung hochdramatisch sprengende Stimme. Nur zum Liebestod weiß sie sich nicht mehr zu steigern. Robert Dean Smiths wackerer Tristan und Robert Holls mit natürlicher Autorität ausgestatteter Marke – sie hätten Besseres verdient, als sich in Marthalers Müdigkeit sichtlich unwohl zu fühlen.

Die Inszenierung ist nicht besser geworden unter den Händen von Assistentin Anna-Sophie Mahler. Marthaler selbst tauchte diesmal gar nicht erst auf. Ein Affront gegenüber dem Werkstattgedanken Bayreuths, den die am Bühnenhimmel flackernden Buchstaben M und W zynisch kommentieren. Ich, Marthaler, stelle Wagner auf den Kopf. Ach, nein.

Katharina Wagner hat dagegen fleißig weitergearbeitet an ihrem rasanten „Meistersinger“-Bilderbogen vom Vorjahr, dabei allerdings eher Härten gemildert und Kompromisse geschlossen als zu entrümpeln. Erneut hastet sie zu Sebastian Weigles wendigem, alle Temperamente und Temperaturen der Partitur erfassendem Dirigat von Regie-Einfall zu Kitsch, Karneval und Wagner-Persiflage, stapelt Ideen, Zitate, Pointen übereinander, ungestüm, provokant, plakativ. Also darf Junker Stolzing erneut Kunst zertrümmern und sich am Ende unter Breker-Mannsbildern brav der Eventkultur fügen (Klaus Florian Vogt, wieder mit strahlend frischem Tenor). Hans Sachs gibt einmal mehr den barfüßigen 68er, der seine Ideale verrät (Franz Hawlata als Charakterdarsteller mit reichlich gepresstem Bariton), während Beckmesser das verkannte, drangsalierte Genie verkörpert (famos: Michael Volle). Und die Prügelszene samt regnenden Turnschuhen, Actionpainting und Studentenrevolte kumuliert wieder zum Happening.

Gedanklich bleibt das krude, aber man mag die Energie, die anarchische Unerschrockenheit, mit der sich Katharina W. gewiss auch in ihr Amt als Festspielleiterin stürzen wird. Und man erschrickt angesichts der Widerspenstigen Zähmung. Die Eva-Gummisexpuppe zu Beckmessers Preislied, die 2007 Skandal machte: ersetzt durch eine nackte Schöne, die verschämt von der Bühne huscht. Und im pantomimischen Regieteam, das in die Kiste gestopft und verbrannt wird, fehlt nun das Alter Ego der Regisseurin. Der Übermut weicht der Kleinmütigkeit, die Selbstironie der Gefallsucht. Ein schlechtes Omen für die Zukunft Bayreuths. Vielleicht auch für Katharina Wagners nächste Regie-Arbeit auf dem Hügel: Sie wird sich, jüngste Meldung, 2015 den „Tristan“ vornehmen – mit Christian Thielemann als Dirigent.

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