Herbert Grönemeyer : "Ich bin die wandelnde Pubertät"

Er rechnet heute noch in D-Mark und sagt, der Osten sei das neue Bochum. Außerdem in diesem Interview: Herbert Grönemeyer dichtet eine Hymne an Berlin.

Grönemeyer
Herbert Grönemeyer. -Foto: ddp

Herr Grönemeyer, sagen Sie mal Ihren Namen auf Englisch!

Grienmeeier. Ich buchstabiere ja meinen Namen, wenn ich in London einen Tisch im Restaurant reserviere. Bei „m“ lachen die schon, weil er so lang ist. Bei „y“ schreibt keiner mehr mit. Ich sag dann: Halt, da kommen noch zwei Buchstaben!

Wissen Sie, woher Ihr Name kommt?

Ich weiß nur, dass mein Vater eher der sture Westfale war. Ein Realist, präzise im Denken, sehr politisch. Meine Mutter dagegen kam aus dem Baltikum, sie war stolz auf ihre adelige Herkunft. Irgendein Zar Alexander hatte meinem Ururgroßvater den Adelstitel verliehen, weil der ihn mit Schlamm aus dem Meer von einer Krankheit geheilt hatte. In einem kleinen Badeort an der Ostsee steht noch eine Büste meines Ururgroßvaters. In unserer Familie trafen sich zwei Welten.

Adeliger oder bodenständiger Westfale: Was steckt mehr in Ihnen?

Ich weiß nicht, ob das was Adeliges ist, aber das Musische kommt sicher von meiner Mutter. Ihre Mutter hatte eine Opernausbildung, mein Großvater spielte Cello und Gitarre. Der hieß auch Herbert. Die westfälische Lebensfreude habe ich von meinem Vater geerbt. Er hatte seinen Arm verloren in Stalingrad, sein Papa war bei einem Grubenunglück gestorben, als er erst vier war. Mein Vater hat immer gesagt: Das Leben kann sofort zu Ende sein. Also packe es! Ein Lebenskünstler.

So wie Sie?

Ich bin dem Tag zugewandt, ja. Mein Vater war ein harter Knochen, aber wenn er am Tisch saß und sich wohlfühlte mit Freunden und Familie, fing er vor Glück an zu weinen. Er konnte das.

Wenn Sie melancholisch werden …

… dann singe ich.

Jeden Tag?

Ich singe jeden Tag so – 14 Kilometer. Nein, mal zehn Minuten, mal eine halbe Stunde. Ich klimpere herum und singe, was mir einfällt. Neue Sachen, Unveröffentlichtes in Kauderwelsch-Englisch: I’m going my way, blaaaabla, roll, people, joho!

Haben Sie Ihre Kinder in den Schlaf gesungen?

Ich habe es versucht. Meine Tanten haben mich früher dreistimmig singend ins Bett gebracht, mit russischen Chorälen, unfassbar. Als ich Kinder hatte, dachte ich: Herbert, deine große Stunde ist gekommen. Also habe ich am Bett gesungen, aber sie haben mich nur verstört angesehen. Dabei mochte ich „Der Mond ist aufgegangen“ so gerne.

Machen Sie Hausmusik mit Ihren Kindern?

Naja, an Weihnachten halten wir die Texte in der Hand und singen zwei, drei Lieder an. Aber eine klassische Musikerziehung ist mir nicht gelungen. Trotzdem: Mein Sohn spielt Klavier, meine Tochter auch. Immerhin, das habe ich geschafft.

Und jetzt gehen die Kinder aus dem Haus.

Ja. Meine Tochter ist 18, mein Sohn 20. Die Distanzen und die Zeiten, in denen man nicht miteinander spricht, werden größer. Aber es ist schön, zu sehen, wie sie sich selbst versorgen. Andererseits standen wir uns sehr nahe, gerade wegen des Todes meiner Frau. Wenn meine Tochter nach dem Abitur nach Deutschland zurückgeht, fängt natürlich auch für mich ein neuer Abschnitt an.

Sie kündigen regelmäßig an, nach Berlin zurückzukehren. Möchten Sie Ihrer Tochter hinterherfahren?

Ich muss mir überlegen, wie und wo ich einen Anlaufpunkt schaffe, wenn die Kinder mal nach Hause kommen wollen. Für sie ist das Haus, das wir noch im Süden Berlins haben, ihr altes Zuhause. Ich bin alle paar Wochen in Berlin. Vielleicht wird es eine Weile so sein, dass es für uns beide Plätze gibt. Halb hier, halb da.

Wie sieht’s in Ihrem Portemonnaie aus?

Ich hab beides dabei, in der Hosentasche ein paar Pfundscheine, und im Portemonnaie die Euros.

Rechnen Sie noch um?

Ich rechne 1:3, zwischen Pfund und D-Mark. Die Umstellung zum Euro habe ich in England nicht richtig mitbekommen. So kann ich mir jetzt einbilden, dass ich billiger lebe, als ich es tatsächlich tue.

Wie lange haben Sie noch Pfund in der Tasche?

Ich habe ja mein Studio von England nach Berlin verlegt, das ist der erste Koffer. Was meine kompletten Koffer angeht: mal sehen. Ich bin inzwischen mit einer Schweizerin zusammen. Und die fragt sich, ob sie mit mir in einem Land zusammenleben möchte, in dem ich bekannt bin. Sie denkt sich vielleicht: Habe ich denn nicht viel mehr von ihm, wenn wir in London bleiben?

Keine Bilder in der „Gala“, keine Schaulustigen …

Ach, so ist das doch alles nicht. Ich bin einen Tick lockerer, wenn ich in England bin, okay. In Deutschland bin ich verspannter. Auf der Straße denke ich immer: Jetzt guckt gerade einer.

Und?

Es guckt gar keiner. Aber ich bin nicht deshalb aus Deutschland weg. Der Grund war, dass wir mit den Kindern ein halbes Jahr ins Ausland wollten, dann ist ihre Mutter gestorben, und wir sind dageblieben. Es war gut, nicht permanent auf die Trauer angesprochen zu werden. Und für die charakterliche Entwicklung der Kinder ist es gut, dass sie nicht als Grönemeyer-Kinder durch die Pubertät gehen.

In London sitzen und Lieder über Deutschland schreiben, geht das?

Klar! Ich habe ja viele Quellen: Zeitungen, Fernsehen, Telefonate. Ich telefoniere täglich drei Stunden mit Deutschland – wie ein Verrückter, weil mir die Sprache fehlt. Ich rede mit meinen Kindern Deutsch, und wenn ich in Deutschland bin, quassele ich mir gleich einen Wolf.

Was wollen Sie denn wissen, wenn Sie in Deutschland anrufen?

Der Deutsche redet ja gerne darüber, was los ist. Da muss man nicht fragen, da geht’s gleich zur Sache. Der Engländer macht das nicht, der redet nicht über seine Befindlichkeiten. Der Alex Silva …

… Ihr Plattenproduzent …

… schüttelt oft den Kopf. Wenn er in Berlin im Café sitzt, sieht er gern den Leuten zu. Die reden stundenlang miteinander, bevor alle deprimiert nach Hause gehen. Um drei Uhr morgens ist die Welt durchanalysiert und alle sind völlig fertig. Die Engländer reden höchstens 25 Minuten über ein Problem, dann muss die Stimmung wieder steigen.

Wie ist denn die Stimmung in Deutschland?

Die Situation ist besser als die Laune. In England gibt es keine Sozialversicherungen, die Krankenhäuser funktionieren nicht, Schulen auch nicht. Dagegen leben die Deutschen wie im Paradies.

Sie schreiben in einem Lied: „Ich mag das Land / ich mag die Menschen / ich mag nicht den Staat.“ Gegen den G-8-Gipfel treten Sie auch noch auf.

Wir treten nicht gegen den G-8-Gipfel auf. Unsere Aktion „Deine Stimme gegen Armut“ drängt die Politiker zum Handeln. Außerdem muss man Politiker nicht mögen. Wir sind durch unsere Stimmen und Steuern deren Arbeitgeber, und wenn sie schlampig arbeiten, müssen wir was tun. Wir sollten nicht preußisch sein und auf die Politik warten, sondern sagen, was sie besser machen soll. In England ist Tony Blair mal mit Blaulicht durch die Stadt gefahren. Da haben die Leute gesagt: Das machst du nie wieder. In Berlin fährt jeder Hansjürgen Grasminister mit 47 Motorrädern voran durch die Stadt, ganz Berlin wird abgesperrt. Da ist Deutschland noch in der Pubertät.

Sie haben gegen Kohl angesungen, gegen Schröder, nun gegen die große Koalition. Sie sind nie zufrieden.

Ha! Mit wem denn? Wenn ich jetzt lese, dass die Koalition sich untereinander prügelt, unfassbar. Schon in der Halbzeit verhauen sie sich in der Kabine. Die sollen erst zu Ende spielen und ein paar Tore machen. Dafür haben wir Eintritt bezahlt. Die Politiker müssten mal sagen: Ich werfe mein Parteibuch weg, kämpfe für eine Überzeugung.

Herr Grönemeyer, Ihre Musik ist auch nicht besonders risikofreudig.

Doch, in meine Musik ist immer ein Risiko eingebaut, ein kleines zumindest. Ich bin zwar kein Punker, aber auch kein Planer.

Sind Ihre Texte deshalb so kryptisch?

Kryptisch? Liedtexte sind Liedtexte, das ist keine Lyrik. Wenn ich ein Wort schreibe, unterfüttere ich es mit Musik, mit einer zusätzlichen abstrakten Ebene. Meine Lieder funktionieren nur mit Musik. Nur so lösen die Worte das aus, was ich möchte.

Aber sie lösen es nur in Deutschland aus.

Nicht nur. Ich bin schon in Frankreich aufgetreten, in Skandinavien, in Polen, in Kanada. Im Herbst spiele ich zum ersten Mal in London. Da werde ich hauptsächlich auf Deutsch singen, vielleicht zwei, drei Lieder auf Englisch.

Dann nehmen wir mal ein Wort aus Ihren Texten. Was heißt „Tiefschneekamerad“ auf Englisch?

Deep snow companion.

Können Sie etwas anfangen mit dem Begriff „zweite Heimat“?

Ich komme mit England klar, ich hab da viel gelernt, aber meine Heimat ist Deutschland. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, in Berlin habe ich die meisten Freunde. Auch wenn ich die Freiheit in London genieße: Meine erste Heimat ist Berlin und meine dreieinhalbste ist London.

Ihre Tochter ist 18 und kehrt nach Deutschland zurück – in ein wiedervereinigtes Land, das auch bald 18 wird. Zeit zum Erwachsenwerden?

Psychologisch geht die Pubertät bis 26, denn die Jahre zwischen 20 und 30 sind kompliziert. Man probiert sich aus, fragt sich: Was will man, was findet man? Es ist ein Vorteil, wenn man begreift, in welchem Stadium man sich befindet. Nach 17 Jahren Wiedervereinigung, nach diesem Kulturclash kann man nicht weiter sein, als Deutschland es ist. Wir stehen vor der Frage: Werden wir wieder größenwahnsinnig? Oder geben wir uns ein wenig Zeit, lernen wir uns selbst kennen? Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen aus der alten Bundesrepublik im Osten waren. Selbst in Berlin gibt es Leute, die nicht in den Ostteil fahren. Das ist pubertär.

Sie haben einige Songs über Ostdeutschland geschrieben, obwohl das gar nicht Ihre Heimat ist. Warum sind Sie so ein Ossi-Versteher?

Ich habe 1982 ein halbes Jahr lang in der DDR gewohnt, wir haben den Film „Frühlingssinfonie“ gedreht. Da habe ich festgestellt, dass ich mich unter diesen harten politischen Bedingungen auch angepasst hätte. Später bekam ich Angebote von der DDR-Regierung, ich sollte auftreten für dreieinhalb Millionen Ostmark, 1988 in Leipzig, 350.000 Zuschauer. Aber viele Leute schrieben mir: Komm bitte nicht, nur die Blauhemden dürfen da rein. Also habe ich abgelehnt. Das hat mein Verhältnis zu Ostdeutschland geprägt.

Und das wirkt heute noch?

Ich weiß nicht, ob ich die Ostdeutschen verstehe, aber ich versuche es. Durch den Obrigkeitsdruck war früher alles viel geplanter. Aber wir im Westen haben stets geurteilt, als ob die drüben nichts verstanden hätten von Freiheit und Demokratie. Mich hat die Überheblichkeit des Westens immer gestört. Diese Attitüde, jemanden von oben herab zu beurteilen, habe ich früher gegenüber den Menschen aus dem Ruhrgebiet gespürt. Wenn ich gesagt habe, dass ich aus Bochum komme, wurde ich erstmal prüfend angeguckt: Weißt du überhaupt, wie eine Kirsche aussieht? Diese Arroganz hat mir nie geschmeckt. Der Osten ist das neue Bochum.

Wie viel Bochum steckt überhaupt noch in Ihnen?

Das geht nicht weg. Letztens war ich in Bochum beim Bäcker, und weil ich nicht mehr so gut gucken kann, sagte die Bäckerin: Herbert, du brauchst ’ne Brille, hier nimm meine mal. Die Leute sind direkt, es gibt keinen Standesdünkel. Meine Konzerte im Ruhrgebiet sind die schwersten. In Gelsenkirchen oder Bochum warten die Leute erst mal ab, gucken, ob ich schon bekloppt oder ob ich noch verlässlich bin. Das hat mit der Kultur des Bergmanns zu tun. Wenn man einfährt in die Grube, guckt man im Lift nach: Wer von denen hier holt mich raus, wenn was passiert? Wenn ich meine Wurzeln verraten würde und auf der Bühne den Heiopei mache, bin ich nicht mehr glaubwürdig. Aber ich schreibe lange nicht mehr aus der Warte des Kohlenpöttlers.

Trotzdem bedienen Sie das Klischee gerne. Erst 2006 sind Sie beim VfL Bochum eingetreten.

Vorher hat es sich nicht ergeben. Ich bin ein Fan, jeden Samstag sitze ich in England und gucke Bundesliga. Ohne Bundesliga ist die Woche sinnlos.

Fanden Sie eigentlich Ihren WM-Song gelungen? Am Ende haben die Sportfreunde Stiller auf der Fanmeile gespielt, nicht Sie.

Mein Song war als Eröffnungshymne der WM gedacht, als Tusch. Dafür fand ich ihn in Ordnung. Das Lied von den Sportfreunden war deutsch-orientierter. Meins war ja nicht zum Mitsingen.

Weil Ihnen die Fifa reingeredet hat?

Die Fifa hat sich nicht nett benommen, sie war kein guter Partner. Die haben mir ja meine Finalkarten wieder weggenommen, weil ich mich mit ihnen angelegt habe. Ich kriege heute noch Geld von der Fifa. Die Proben in München sollten sie bezahlen, das Geld sind sie mir bis heute schuldig.

WM-Organisatoren erzählen, die Fifa habe Ihnen sogar die Musik vorgeschrieben.

Sie hatten da eine Melodie, die ich einbauen sollte. Dadidada, damit sie einen Klingelton haben. Das macht ja nichts. Mir war wichtig, dass zur Eröffnungsfeier nicht nur Lederhosen über den Platz laufen. Ich hatte mehrere Sänger vorgeschlagen, aber dann haben sie mich ausgesucht. Einer musste halt den WM-Song machen. Und da ich so eine gute Stimme habe …

Bitte? Mit Ihrer Stimme stimmt doch was nicht!

Viele Leute sind nur irritiert, weil ich so quetsche.

Ich kann nicht anders singen, weil ich mich während des Singens so freue. Ich habe schon Mikrofone kaputt gesungen. Das hat mit dem Überdruck zu tun, der in mir ist. Insgesamt muss man sagen: Ich kann relativ schwer entspannt singen.

Sie verlangen von den Deutschen, entspannt zu werden, sind es aber selber nicht.

Tja. Ich bin eben die wandelnde Pubertät.

Dann singen Sie uns doch mal was vor!

Was denn?

Etwas über Berlin, Ihre erste Heimat.

Berlin, ich komm aus dir / lala, nein, das geht nicht. Vielleicht so: Berlin, ich komm zu dir / Sag dein’ zweiten Satz / Manchmal als ersten.

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