HIT Parade : Geoffrey Gurrumul

Diese Woche auf Platz 16: Gurrumul verdient es, ohne Alltagsmedienzynismus betrachtet zu werden. Wenn ihn nun plötzlich ganz viele Leute ganz doll lieb haben, könnte das durchaus an der Kraft seiner Melodien liegen.

Ralph Geisenhanslüke

Haben die folgenden Zeilen das Potenzial für einen Hit? „Märrma djilawurr ngäthinana, nambawu larungana“ – Sie bedeuten auf Deutsch etwa: „Zwei Großfußhühner rufen hinaus, sie suchen Guwalilnga“.

Bisschen fremd, selbst in der Übersetzung? Kein Wunder, die Worte stammen aus einer sehr fernen Kultur: Sie wurden gedichtet in der 40 000 Jahre alten Sprache der Yolhngu aus Arnhemland in Nord-Australien. Arnhemland, ein Gebiet von der Größe Portugals, gehört heute offiziell wieder den Aborigines. „Aborigine“ darf man eigentlich nicht sagen, man spricht von der „indigenen Bevölkerung“ oder den „first Australians“.

Geoffrey Gurrumul Yunupingu sind solche Feinheiten vermutlich wurscht. Er wurde in Arnhemland geboren, kann weder lesen noch schreiben, spricht kaum Englisch und hat andere Sorgen: der 39-Jährige ist von Geburt an blind. Nun wird Gurrumul zu einem weltweiten Popstar. Das glauben zumindest alle, die ihn gesehen haben. Etwa der Kritiker des britischen „Guardian“, der schrieb, Gurrumuls Melodien seien „so geradlinig und kraftvoll, dass jeder westliche Song- schreiber neidisch wird“. Schon in den Achtzigern bediente der Multi-Instrumentalist in der australischen Band Yothu Yindi die Percussion-Instrumente. Da war er noch ein Teenager. Heute spielt er auf eine sonderbare, linkshändige Weise Gitarre, seine zarten Pickings führt er mit den Fingerkuppen.

Hat man die Textbarriere mit Hilfe der Übersetzung überwunden, bleibt auch einem an Chatwins „Traumpfaden“ geschulten Leser nur respektvolle Distanz. Gurrumuls mythisches Erleben wird sich niemand von Verstand anmaßen zu begreifen. Was macht seine Musik trotzdem so populär? Weckt er als Mitglied einer Randgruppe Schutzbedürfnis? Oder ist es die Schlüsselreizkombination aus Paul Potts, Stevie Wonder und Andrea Bocelli?

Gurrumul verdient es, ohne Alltagsmedienzynismus betrachtet zu werden. Wenn ihn nun plötzlich ganz viele Leute ganz doll lieb haben, könnte das durchaus an der Kraft seiner Melodien liegen. Er bedient nicht das Klischee der Didgeridoo-blasenden edlen Wilden, wie sie im Hafen von Sydney für die Touristen spielen. Er wirkt verletzbar und zugleich hellsichtig. Aber das lässt sich bislang kaum überprüfen. Interviews gibt sein Clan für ihn.

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