Hitparade : Michael Hirte: Die Mundharmonika spielt weiter

Michael Hirtes erstes Album verkaufte sich mehr als 500.000 Mal. Kein halbes Jahr später kommt der Nachfolger. Sage niemand, Casting-Show-Gewinner seien Eintagsfliegen. Diese Woche ist Hirte auf Platz 2 mit: "Der Mann mit der Mundharmonika 2".

Ralph Geisenhanslüke
Hirte Foto: Promo
Michael Hirte -Foto: Promo

Seit einiger Zeit gibt es eine Software, die Musikliebhaber erbleichen lässt. Sie erkennt praktisch jeden Song innerhalb weniger Sekunden. Und das Praktischste ist: Sie läuft auf Mobiltelefonen. Wenn man irgendwo ein Lied hört, hält man kurz sein Handy hoch. Es wird eine kleine Tonprobe genommen, ein „akustischer Fingerabdruck“, der von einer Datenbank ausgewertet wird. Und man bekommt als Antwort alle erdenklichen Informationen, Bio- und Diskografie des Künstlers oder Links zu Youtube. Das Programm heißt Shazam, benannt nach einer Zauberformel aus einem Marvel-Comic. Das gleichnamige Unternehmen mit Sitz in London hält eine Datenbank mit sechs Millionen Titeln vor und will das Programm bis zum Ende dieses Jahres auf 250 Millionen Handys installiert haben. Die Treffsicherheit ist verblüffend. Shazam erkennt selbst entlegenste Werke. Seu Jorge aus Brasilien oder Unitone-Hifi aus Neuseeland werden sogar mit Re-Mix-Versionen richtig identifiziert. Mit Michael Hirte aber hat Shazam Probleme.

Der Mundharmonika-Spieler wird auch der deutsche Paul Potts genannt, weil sich bei ihm das große Casting-Show-Märchen wiederholt hat. Hirte – kurzer Einschub für alle, die das tränenreiche Finale von „Das Supertalent“ verpasst haben – war früher einmal LKW-Fahrer. Nach einem schweren Unfall wurde er durch ein steifes Bein und die Erblindung auf einem Auge arbeitsunfähig, seine Ehe ging in die Brüche, er schlug sich als Straßenmusiker durch. Sein erstes Album verkaufte sich mehr als 500.000 Mal. Kein halbes Jahr später kommt der Nachfolger. Sage niemand, Casting-Show-Gewinner seien Eintagsfliegen.

Shazam erkennt auf Hirtes neuem Album keinen einzigen Song. „Über Sieben Brücken musst Du gehn“, „Winnetou“ oder „Tränen lügen nicht“ – Fehlanzeige. In der digitalen Welt liegen Brasilien oder Neuseeland mittlerweile näher bei uns als ein Hartz-IV-Empfänger aus Potsdam. Ästhetische Wertungen nimmt das Programm jedenfalls nicht vor. Ein Teil des Geschäftsmodells von Shazam besteht in der Weiterleitung zum Online-Shop iTunes, wo man bekanntlich jeden Song für 99 Cent kaufen kann. Die hat eigentlich jeder übrig. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal in der Fußgängerzone den Straßenmusikanten mal einen Hirte-Memorial-Euro in den Hut werfen.

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