Indie Deluxe : Das neue Album von Elbow

Sie hatten sich als Band schon aufgegeben, als 2008 plötzlich der Erfolg kam. Mit dem Gewinn des Mercury Prize stiegen Elbow aus Manchester zur Supergroup des Britpop auf. Und nun ist ihre Musik besser denn je. Eine Begegnung.

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Elbows neues Album heißt "Build A Rocket Boys!".
Elbows neues Album heißt "Build A Rocket Boys!".Foto: dpa

Es beginnt damit, dass Craig Potter eine Taste seines Fender Rhodes Pianos drückt und gedrückt hält und sie mit einem Klebestreifen für die Dauer des Songs nach unten zwingt. Und so hört man den einen Ton - Bing-bing-bing-bing - wieder und wieder anschlagen. Das Instrument kann nicht anders. Wer an der einzigen interessanten Kreuzung kleben bleibt, die es in einem Ort wie Bury in Lancashire vielleicht gibt, hört denselben Ton. Tief in sich. Wie das Ticken einer Uhr. Wie das pochende Herz der Langeweile.

Guy Garvey kennt diesen Ton genau. „Lippy kids“ heißen seine Helden in dem gleichnamigen Song. Er handelt von jungen, überheblichen Burschen, wie er selbst einer war, „die sich an der Ecke wie Krähen niederlassen“ und nichts weiter tun, als reden. Das Schaben der Füße, der Takt, in dem die Zigaretten fortgeschnippt werden, deutet an, dass in ihnen drin der Ton immer lauter, aufwühlender wird. Dass es bald nicht mehr nur darum gehen wird, sich die Zeit zu vertreiben mit Gesprächen über tolle Bands und Platten, die man gehört haben muss. „Do they know these days are golden?“, fragt Garvey. Und als wäre er ein alter Mann, der zufällig duchs Bild latscht, ruft er seinem jüngeren selbst und dessen Kumpels zu: Macht was sinnvolles – „build a rocket boys“!

Niemand weiß besser als Garvey, der Radiomoderator, Poet und Sänger der britischen Band Elbow, wie absurd der Rat ist. „Build A Rocket Boys“, so lautet der Titel des fünften Elbow-Albums (Polydor/Universal). Mit ihm kehren die fünf Musiker zu der Zeit zurück, da auch für sie so ziemlich alles begann. Und das ist das einzig Merkwürdige an diesem magischen Stück Popmusik. Warum beschäftigt sich eine Band, die alles erreicht hat, mit dem jugendlichen Erwachen geistiger Kräfte?

„Jetzt sind wir erstmals in 21 Jahren die Band, die wir immer sein wollten“, sagt Guy Garvey bei einem Gespräch im Diener Tattersaal. Der Ort als Berliner Alkohol-Institution ist offenbar mit Bedacht gewählt. Eine Kirche des Trinkens: Die Autogrammkarten von Harald Juhnke, Billy Wilder, Fassbinder und 500 Weiteren hängen an der Wand. Genau das Richtige für trinkfeste Burschen aus Manchester, wird man sich bei der Plattenfirma gedacht haben. Allerdings darf man auch hier nicht mehr rauchen. Weshalb Guy Garvey und sein Gefährte, Bassist Pete Turner, sich in ein rückwärtiges Kämmerchen zurückziehen. „Unsere Liebe zum Alkohol ist kein Geheimnis“, sagt Garvey schmunzelnd, wobei sich das durch seinen Vollbart hindurch wie our luff for the booze anhört. Schwer liegt der Mancunian-Akzent über den Worten.

Tatsächlich ist die Entwicklung der Band eng an Bars und Pubs in Manchester gekoppelt. Sie waren jedenfalls früher nicht von der Sorte Band, die sich in den Übungsraum zurückzog und nach getaner Arbeit auseinander ging. Das tun sie erst neuerdings. „Wir arbeiteten in einem Club, dem Roadhouse, in dem alle wichtigen Rockbands vorbeikamen, bevor sie große wurden“, erzählt Garvey, „Pete stand hinter der Bar, ebenso Joe und Craig, Mark war der einzige, der dort nicht beschäftigt war, und ich nahm an der Tür das Geld entgegen. Ein mieser Job“.

„Das würde ich nicht sagen, Guy“, fällt Pete Turner ein, „ich hätte gerne mit dir getauscht.“
„Du spinnst. Ich war da draußen, in der Kälte, und alles, was ich zu tun hatte, war gleichgültig zu gucken, korrekt wieder rauszugeben und die neuesten Selbstverteidigungspaktiken der Türsteher über mich ergehen zu lassen. ,Oah, Guy, den Trick muss ich dir zeigen’.“

Und schon entspinnt sich in der Erinnerung Garveys der Dialog zwischen einem der Muskelmänner, der meinte, er solle sich nicht so anstellen, und ihm selbst, Guy, der fand, dass der sich einen anderen suchen sollte für seine dämlichen Spielchen. Am Ende dieser kurzen Unterhaltung hat sich Garvey selbst in den Würgegriff genommen. Und man begreift, warum der „Guardian“ in ihm „one of the good guys“ sah, einen von der guten Seite. Er steckt voller amüsanter Geschichten, und er ist so ehrlich, jedem zu verstehen zu geben, dass sie genau das auch sein wollen - amüsant. Er wolle geschätzt werden, indem er die anderen schätzt, hat seine Schwester über ihn gesagt.

Garvey sagt von sich, dass er als Teenager schwer erträglich gewesen sei. Ein stets verdrossener junger Mann. „Ich mag nicht, wenn mir die Menschen zu nahe kommen“, meint er noch immer. Nicht eben ideale Voraussetzungen für einen Sänger. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er 13 war, er brach die Schule ab, wollte Beatpoet werden, was meist als verkrachte Säuferexistenz endet, und zog sich immer weiter in seinen massigen Körper zurück. „Es macht mir nichts aus“, sagt er, „vor 20.000 Menschen aufzutreten, aber wenn mich der Busfahrer streng ansieht, schäme ich mich.“

Man ist schnell drin in etwas, das ein Kneipengespräch sein könnte, wenn es nicht gerade jetzt in einem so engen Hinterzimmer geführt würde, dass unter dem Tisch die Knie aneinander stoßen. An der Tür des Roadhouse war Guy Garvey, dieses wuchtige Gewerkschafterkind mit kantigem Kinn, jedenfalls das, was er am liebsten ist: vertrauenswürdig, aber unsichtbar. Vor ihm die Gästeliste mit all den wichtigen Namen. So fand er nebenbei heraus, wer die Leute im Musikgeschäft waren, an die er sich wenden musste. Als 17-Jähriger hatte Garvey sich auf dem College einer Band angeschlossen. Sie bestand aus denselben Leuten, die heute zu Elbow gehören. Neben Garvey und Turner sind das Mark Poter an der Gitarre, sein Bruder Craig an den Keybords und Drummer Richard Jupp. Irgendwann 1997 waren sie soweit, dass Garvey seine Liste wichtiger Namen abarbeiten konnte. Im Roadhouse waren sie nun oft im Vorprogramm zu hören. Und was das Musikerdasein anbetraf, gaben sie sich keinerlei Illusion hin. „Als Band auferlegten wir uns von Anfang an eiserne Disziplin“, sagt Garvey. „Wer nur fünf Minuten zu spät zur Probe erschien, dem zeigten die anderen die kalte Schulter.“

Die Gruppe musste ohne Chef funktionieren. Das trieb sie in den frühen Tagen regelmäßig in die Erschöpfung. „Wir sagten uns zwar“, erzählt Turner, „,hey, lasst uns aufhören, das kriegen wir heute nicht mehr hin’. Aber natürlich taten wir es nie.“ Dabei entdeckten sie etwas sehr Wertvolles, das viele andere Junge-Männer-Truppen unter Geprotze vergraben – ein Interesse an den Ideen der anderen.Garvey: „Wir kommen zuweilen an den Punkt, dass drei von uns ein musikalisches Motiv hassen, während es zwei andere sehr mögen. Und sie mögen es so sehr, dass die anderen drei zu zweifeln beginnen, ob sie nicht vielleicht etwas daran übersehen haben.“
- „Passiert mir immer wieder, dass ich da sitze und denke, ,Mensch, das ist doch ein saublöder Einfall, wozu soll das gut sein.’ Aber wenn ich auch nichts, was mir gefallen könnte, darin entdecken kann, traue ich in diesem Moment doch den anderen.“
- „Du schuldest es ihnen.“
- “Das meine ich.“
- “Du folgst ihnen ins Extrem ihrer Ideen.“
- “Bei anderen Bands läuft es oft so, dass einer sich eine schöne Akkordfolge ausdenkt. Dann noch eine Melodie hinzufügt, das Schlagzeug einspielt und seinen Kollegen einen praktisch fertigen Song vorspielt. Wenn mir eine tolle Akkordfolge eingefallen ist, rufe ich sofort einen der anderen an, um sie ihm vorzuspielen. Im Studio verbringen wir die meiste Zeit mit Reden und hören dem zu, was ein anderer sich ausgedacht hat.“
- “Wenn die Familien daheim wüssten, was wir wirklich treiben.“
- “Wir haben alle dieselbe Art entwickelt, wichtige Anrufe abzuwürgen. ,Tut mir Leid, Darling, aber wir sind gerade mitten in einem wichtigen Gespräch. Ich tue alles, was du willst, aber nicht jetzt, ich muss zurück zu den anderen, ich muss mich beeilen’.“

Niemand bei Elbow kann Eigentumsrechte beanspruchen, jeder fühlt sich verantwortlich. Heute sind sie neben Radiohead die einzige britische Rockband, die in ihrer musikalischen Sprache vollkommen frei ist. Mit jedem Song scheint sie wieder ganz von Vorne anzufangen. Mal mit rhythmischem Händeklatschen, mal mit einem wuchtigen E-Gitarren-Riff. „Wir haben ein wundervolles Atelier, voller Spielzeug, und auch das Geld, uns noch mehr Spielzeug zuzulegen. Wir treffen uns dort morgens, und gehen zur Tea Time wieder auseinander, um zu unseren Familien zu gelangen. Wir haben das beste aus beiden Welten. Das einzige was uns heute Probleme bereiten dürfte emotional, ist, etwas über Leid zu schreiben.“

Dabei hatten sich Elbow schon beinahe aufgegeben. So viele Jahre war das Quintett mit unerbittlicher Hingabe bei der Sache geblieben, hatte immer wieder all seine Aufrichtigkeit, Wärme und Leidenschaft für ein neues Album aufgebracht. Aber mehr als anerkennendes Lob von Kritikern hatte ihm das nicht eingebracht. Nun wollten sie 2008 noch eine letzte Platte herausbringen, auf die sie stolz sein könnten und die ihre Ideale nicht verraten würde, und dann auseinander gehen. Grundiert wurde es von der Trauer um den Drogentod eines Freundes. Der bahnbrechende kommerzielle Erfolg von „The Seldom Seen Kid“ und die Verleihung des Mercury-Preises katapultierten Elbow augenblicklich in höhere Sphären. Aber so, wie sie eben sind, fuhren sie mit der Trophäe durchzecht noch in den Morgenstunden mit dem ersten Zug nach Manchester zurück, zur Mutter des verstorbenen Gefährten Bryan Glancy. „Sie machte uns Tee“, schrieb Garvey im "Guardian" trocken.

Damit hatten sie ihre Dämonen bezwungen. Eigentlich konnten Elbow nur noch langweilig werden. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Mag ihre Musik auch bar aller Sorgen entstanden sein, etwas Unbezwungenes lebt in den musikalischen Wanderdünen fort, zu denen sie ihre Ideen aufschütten. Diese Musik ist ein emotionaler Kompass.

„With Love“, das von einer schrägen Balaleika-Figur eröffnet wird, ist ein Lob der Liebe, ein Hohelied auf den Saufkumpan. In dem unter einem Krautrock-Beat pulsierenden „Birds“ geht es um Vögel als „keepers of our secrets“, Geheimnisträgern, die uns bei allem, das wir anstellen, zusehen. Dabei gibt es gar keine Geheimnisse im Elbow-Universum. Mystiker sind sie nicht. Mit demselben jazzigen Atem, mit dem auch ihre Vorbilder Talk Talk zur Werke gingen, und einem Gefühl für Tempi und Grooves, das nicht mehr ausformuliert wird, zersetzen sie einfach jede Gewissheit.

Das ist ein radikaler Gegenentwurf zur Ego-Musik der iCulture. Während das Internet und die unmittelbare Verfügbarkeit des Welt-Pop-Wissens dazu führen, dass Musiker mit dieser Überforderung konkurrieren wollen und traditionelle Formen zugunsten eklektizistischer Samplewolken auflösen, bestellen Elbow nur „eine kleine Ecke im Garten“, wie Garvey sagt. Sie sind Familienmenschen geworden. Und so langweilig das klingen mag, so souverän ist ihr Umgang damit.

„There’s a bayonet in my family things“, heißt es in dem Song „High Ideals“, der von den hohen moralischen Ansprüchen Abschied nimmt. Beim Aufräumen findet sich einen altes Bajonett, „Made in the USA“, und Garvey weiß: „It’s passed from hand to hand / With the wedding rings.“ Dieses antiquierte Kriegwerkzeug gibt es wirklich. Angsteinflößend findet es Garvey, er würde es nicht vererben, sondern einschmelzen, wenn die Reihe an ihn käme. Es sei das falsche Symbol für das Opfer. Er ist einer der Guten.

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