Interview mit Label-Chefs Stadlober und Wagner : Pure Geldgier darf niemals siegen

Im Interview verraten die Label-Chefs Robert Stadlober und Patrick Wagner, was ihnen an der Pop-Branche stinkt.

Robert Stadlober
Popkomm-Dissidenten. Der Schauspieler Robert Stadlober (rechts) und der Musiker Patrick Wagner, beide auch Labelchefs, im...Foto: DAVIDS

Herr Wagner, Herr Stadlober, warum braucht die Popkomm eine Veranstaltung wie „Fuck You All“?

WAGNER: Weil uns die Situation ankotzt. Alle Künstler und Plattenfirmen suchen total verzweifelt nach einem Hit. Und das führt dazu, dass die Leute vergessen, dass es noch andere Gefühle in der Musik gibt.

Welche Gefühle vermissen Sie?

WAGNER: So eine spontane Aufregung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Neulich war ich auf einem Festival im bayrischen Raum. Unsere Band Navel war die einzige, die nicht zum Mitklatschen aufgefordert hat. Eines ihrer Stücke dauert neun Minuten – der Festival-Booker hörte es und sagte: Das muss raus! Dabei ist das der Höhepunkt der Show. Verstehen Sie, es gibt noch andere Gefühle als dieses Mantra „Hurra, wir sind alle zusammen“.

STADLOBER: Ich beobachte, dass die Leute offensichtlich viel Geld zahlen wollen, um große Konzerte zu sehen – aber bei kleinen Gigs für vier Euro denken sie: Oh, das ist so billig, das kann nicht gut sein. Die brauchen einfach Musik, um dazu im Park zu joggen.

Ein Hit ist doch nichts Schlimmes. Ist das nicht einfach eine demokratische Art, ein Gefühl zu feiern?

STADLOBER: Es kommt darauf an, wie er zustande kommt. Um in Deutschland einen Hit zu landen, braucht man Geld – damit klappert man die ganzen Radiostationen ab. Einigen Bands kackt die Plattenfirma Geld auf den Kopf und erzwingt so im Idealfall einen Hit.

Haben Sie ein Beispiel?

STADLOBER: Eine Band wie Jennifer Rostock wird mir übers Fernsehen und Radio so penetrant ins Gehirn geblasen, dass ich gar keine Zeit finde, mich mit anderen Bands auseinanderzusetzen. Wenn man den Medien glaubt, gibt es nur noch Madsen, Jennifer Rostock und Tomte – das war’s. Auch im Independent-Bereich zählt heute das Marketing. Das finde ich bedenklich. Wir müssen Anzeigen in Magazinen schalten, um eine Kritik im Heft zu platzieren.

WAGNER: Ich verstehe zum Beispiel nicht, dass Bands auf der Jägermeister-Rockliga spielen. Das ist eine fatale Entwicklung. Kein Label, nicht mal Universal, Deutschlands größte Plattenfirma, kann mit Jägermeister konkurrieren.

Musik koppelt sich zu stark an Marken?

WAGNER: Musik soll auf einmal mit einer Marke funktionieren. Und es gibt kaum eine Gegenströmung dazu.

STADLOBER: Natürlich gehe ich auch auf das iTunes-Festival und sehe mir Bands wie MGMT an. Aber die Stimmung ist beschissen, wenn man Menschen einlädt, die bei jedem Gewinnspiel mitmachen und keine Ahnung von der Band haben.

WAGNER: Mir geht es um das Bewusstsein der Menschen. Eine Bekannte von mir vertritt eine kleine Indie-Dance-Band. Sie erzählte mir, in Deutschland habe sie 700 Platten verkauft – und in Großbritannien 50 000.

Sie meinen, in Deutschland funktioniert Indie-Kultur nicht?

WAGNER: In England kann man sich leichter auf Phänomene einigen. Nehmen wir mal jemanden wie Mike Skinner, besser bekannt als „The Streets“: ein Alki, der krasse Straßenreime rappt und damit zum Millionär wird – weil er auf einem landesweiten Sender gespielt und in einer Zeitschrift besprochen wird. So eine Kultur existiert hier nicht. Wir Deutschen sind extrem spießig in der Popwelt. Deshalb sagen wir: „Fuck You All“.

Sie vermissen die Spontaneität in der Musik?

WAGNER: Ich will, dass sie nicht mehr funktional ist. Ich bilde mir ein, jeder Künstler muss erst mal Musik machen, ohne sich zu überlegen, ob das funktioniert. Die Mystik des Ungreifbaren finde ich wichtig.

Diese Mystik wollen Sie mit Ihren Labels Louisville und Siluh fördern?

WAGNER: Wir wollen die letzten Labels sein, wo Musik noch ein Abenteuer ist. Vielleicht kaufen das nur vier Menschen, aber vielleicht erwächst daraus eine Strömung, um die sich nur momentan niemand kümmert. Ich möchte meinen Künstlern nicht sagen: Du, wir brauchen noch Streicher. Oder ihnen vermeintliche Erfolgsrezepte eintrichtern, so nach dem Motto: Ihr müsst „Uh-uh“ singen, wie jede blöde englische Band, die auf Motor FM läuft und Erfolg hat.

Möchten Sie mit Ihrer Musik denn nicht so viele Menschen wie möglich erreichen?

WAGNER: Natürlich soll das passieren. Aber es geht um die Haltung dahinter. Wir haben Jolly Goods unter Vertrag, zwei tolle Mädchen mit großartiger Stimme. Die haben sich zum Beispiel geweigert, dass ein Großproduzent wie Moses Schneider alles produziert. Und gleichzeitig erlebe ich, wie zum Beispiel der Sänger Clueso im Studio sitzt, und der Produzent sagt: „Die Musik ist gut, aber die Band spielt nicht gut genug, wir nehmen andere Musiker – und dann nehmen wir auch gleich einen anderen Schreiber.“ Warum suchen sich solche Menschen nicht einfach einen Job bei einer Bank? Das ist doch wie in den 50er Jahren!

Ist das denn überhaupt eine neue Entwicklung?

WAGNER: Natürlich nicht. James Last hat schon immer mehr Platten verkauft als Jimi Hendrix. Aber wenn es für Nischen keinen Platz mehr gibt, dann finde ich das schlimm. Selbst eine Band wie die Jolly Goods, die viel Lob erhalten, müssen sich laufend anhören, dass das nichts wird. Der Traum vom Musikmachen ist entmystifiziert.

Wie reagiert so eine Band darauf?

WAGNER: Ich hatte befürchtet, dass sie jetzt auf Teufel komm raus einen Hit schreiben wollen. Aber nein, sie wollen ihre nächste Platte ganz allein einspielen – und zwar nur mit Instrumenten, die sie nicht spielen können. Das mag ich.

Aber als Karriereoption hat Rockmusik ausgedient?

STADLOBER: Nehmen wir eine unserer Bands: Killed by 9V Batteries. Die leben alle in Graz und haben sich von der Realität abgekoppelt.

Was heißt das?

STADLOBER: Sie verdienen ihr Geld durch Plasmaspenden. Sie haben die Eltern ins Schlafzimmer verbannt, um im Wohnzimmer ihre Platte aufzunehmen. Keiner von denen hat einen Karriereplan. Sie sind sich bewusst, dass sie von der Musik nicht leben können – aber verschwenden keinen Gedanken daran, etwas anderes zu machen.

Bands können mit Konzerten Geld verdienen.

STADLOBER: Auch das wird schwierig, wenn auf einem Konzert in Hamburg nur 30 Menschen auftauchen. Ich frage mich immer: Wo sind die anderen, die ganzen 14-Jährigen, die so eine Musik doch umhauen müsste?

Erreicht man junge Menschen über das Internet?

STADLOBER: Es gibt nur kleine Communities. Wenn eine Band ihren Gig auf drei Seiten ankündigt, kommen immer dieselben 300 Leute. Als Marketing-Werkzeug funktioniert das nicht. Wenn wir auf der Myspace-Titelseite sind, haben wir 20 000 Klicks und drei verkaufte Platten.

WAGNER: Man kann eine Band wie Naked Lunch nicht auf Myspace hören. Die Lieder fangen erst nach vier Minuten richtig an. Das hält auf Webseiten keiner aus.

Mal ehrlich: Es geht Ihnen doch darum, Menschen den vermeintlich guten Geschmack zu diktieren.

STADLOBER: Nein, und mir geht es auch nicht um Leidenschaft. Das ist ein abgelutschter Begriff.

Warum?

STADLOBER: Weil jede Band behauptet, aus Leidenschaft Musik zu machen. Ich möchte nicht Menschen zur richtigen Musik erziehen, sondern zur richtigen Aufnahme von Musik. Dass man wertschätzt, was da passiert. Dass Musik kein Produkt ist, sondern für alle Lebensbereiche wichtig sein kann.

WAGNER: Die Aufmerksamkeit nimmt einfach ab, das missfällt mir.

STADLOBER: Ich beobachte die Entwicklung selbst bei Freunden, die gute Musik hören. Ich spiele ihnen manchmal neue Titel vor – und wenn nach 20 Sekunden nicht der Beat einsetzt, klicken die auf den nächsten Song. Irgendwie gibt es im Hinterkopf die Idee, dass man sofort einen Hit hören muss. Dagegen habe ich nichts, aber das darf es nicht ausschließlich geben.

WAGNER: Wenn Kylie Minogue „Can’t Get You Out Of My Head“ singt, habe ich Spaß und tanze dazu. Aber bei Indiebands denke ich: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die müssen keinen Hit schreiben. Sonic Youth haben mit „Goo“ ihre Hitplatte geschrieben – nach neun veröffentlichten Alben. Und kein Song darauf klingt wie ein konventioneller Hit. Auf der anderen Seite mag ich aber auch keine Bands wie The Notwist, die wie Helmut Kohl ihren Indie-Rock verwalten. Gut, die kümmern sich zwar nicht um Erwartungshaltungen – aber Ideen gibt es dahinter auch nicht.

Auch hier fehlt Ihnen das Unerwartete.

WAGNER: In der Musik soll immer alles stimmen. Das verstehe ich nicht. Warum?

STADLOBER: Wenn eine Band sich mal traut, den Verstärker hochzudrehen, denken alle, bei ihnen zu Hause ist der Plattenspieler kaputt. Es haben sich genormte Hörgewohnheiten eingeschlichen.

Und was tut man dagegen?

WAGNER: Wir machen unseren Kram. Mehr als eine Alternative können wir nicht anbieten. Wenn so etwas angenommen wird, freut mich das. Nehmen wir mal ein Beispiel aus der Vergangenheit: Ich habe 1999 für das Label Kitty-Yo die Sängerin Peaches entdeckt.

...die heute als Mitbegründerin des Electroclash gilt und zur internationalen Berlin-Ikone wurde...

WAGNER: Die Produktion des Albums hat damals 900 Mark gekostet. Ich habe die Platte an alle Majorlabels geschickt. Die Antwort war überall dieselbe: Schreckliche Musik, aber die Frau hat einen geilen Arsch. Zwei Jahre später haben mir dieselben Leute 250 000 Mark geboten, weil sich die Platte mittlerweile über Mundpropaganda gut verkaufte. Unser Ansatz ist heute derselbe: Wir müssen Sachen möglich machen, die keine andere Plattenfirma haben will. Wir wollen Möglichkeiten schaffen, dass Musik explodiert – denn das Talent gibt es.

Bei aller Kritik: Was bleibt Ihnen 2008 positiv im Gedächtnis?

STADLOBER: Ich finde super, dass Tokio Hotel, die lustigen Comicfiguren aus Magdeburg, in Amerika einen Preis bekommen, der völlig unnötig ist – nämlich den MTV Award.

WAGNER: Ich kenne eine Leipziger Band, die haben ein Lied namens „Hallo, Hölle“ geschrieben, das nach Tokio Hotel klingt. Ich habe das an die Band weitergeleitet – mal sehen, was daraus wird. Es wäre eine bessere Single als jedes Stück auf der letzten Platte von Tokio Hotel.

– Die „Fuck You All“-Party mit den Livebands Killed by 9V Batteries, Jolly Goods, Navel, Asaf Avidan und Kissogram startet heute um 21 Uhr im White Trash Fast Food, Schönhauser Allee 6/7. Eintritt 5 €. Mit Patrick Wagner und Robert Stadlober sprach Ulf Lippitz.

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