Jazz & Swing : Kampf dem Rohling

Sie haben Swing und gute Manieren: Wie eine junge Generation von Jazzsängern den Schwiegersohn-Pop erfindet.

Kai Müller
Jazz
Smart Guys. Michael Bublè, Roger Cicero und Peter Cincotti haben den Weg aus den Jazzclubs gefunden. -Fotos: promo

Der Mann hat eine eigenartige Wandlung durchlaufen. Als Peter Cincotti vor drei Jahren „On The Moon“ veröffentlichte, hörte man einen exzellenten Pianisten, der scharfkantige Blockakkorde aus seinem Instrument hämmerte, Soli mit klarer Linienführung spielte und Zeilen sang wie „I love Paris every moment, every moment of the year, because my love is near.“ Da fühlte sich einer im Jazz zuhause, ließ seine Stimme von schmissigen Bläsergirlanden umschlingen und gönnte sich das hektische Trippeln eines Swing-Schlagzeugs. Doch alles, was er zustande brachte, waren niedliche Liebesballaden, für die er sich beinahe schämte.

Sein Faible für Städte ist dem 24-jährigen Amerikaner auch auf dem Nachfolge-Album „East of Angel Town“ nicht abhanden gekommen. Da werden Philadelphia, Los Angeles und Cincottis Heimat New York besungen. Aber das Schlagzeug trippelt nicht mehr. Die Bläser sind durch ausladende Streicherarrangements ersetzt. Und auch die Diktion eines Jazzsängers hat man ihm abgewöhnt. Stattdessen beherzigt er Stings Leitsatz für die Popkultur: burn from the first moment. Vom ersten Atemzug an ist Cincotti da, und jede Regung scheint ihn beinahe um den Verstand zu bringen.

Peter Cincottis Metamorphose vom introvertierten Bar-Jazzpianisten zum Kraftpaket des Balladen-Pop steht für einen Trend: Immer mehr Jazzsänger verlassen ihre Nische, um im Mainstream-Pop Fuß zu fassen. Wenn sie so gut aussehen wie Cincotti, Michel Bublé, Roger Cicero oder Til Brönner, gelingt ihnen das problemlos. Als smart guys machen sie eine gute Figur: Sie haben Swing, gepflegte Manieren und oft einen Borsalino-Hut auf dem Kopf – und sie schauen beim Singen ihr Publikum an. Während der Jazz als Lebensentwurf schwindet, kultivieren sie den Typus des Schwiegersohn-Pop. Man kann eigentlich nichts gegen sie haben, außer dass die falschen Leute sie auch mögen.

Mit wollig orchestrierten, schmissigen Bigband-Nummern stillen die neuen Gentleman-Stars das Bedürfnis einer in der Popkultur oft vernachlässigten Klientel – der Generation Vierzig plus. Es ist eine schwierige Klientel, die nicht mehr viel miteinander verbindet. Die Lebensentwürfe sind auseinandergefallen, und Musik gilt den meisten nicht mehr als Katalysator einer inneren Unruhe. Die Fortysomethings mögen einst Vinylplatten-Sammlungen besessen haben. Nun sind sie es leid, dem neuesten Trend hinterherzujagen, sie kaufen sich Manschettenknöpfe oder stellen sich Blumen auf den Tisch. Und sie sind kurz davor, Schlager und Volkslieder zu hören. Der „Spiegel“ nennt sie „Schläfer“, da sie nicht wissen, wie man Songs downloaded. Über Jahre pflegt diese Käufergruppe vom fest segmentierten Markt zu verschwinden – um sich plötzlich eine Roger-Cicero-CD zu kaufen. Offenbar ausgehungert nach etwas, das alten Tugenden gehorcht.

Roger Cicero ist das deutsche Erfolgsmodell des jüngsten Swing-Revivals. Er hatte sich in Jazzkreisen bereits einen Namen als einfühlsamer Interpret von Emily-Dickinson-Gedichten gemacht. Doch das genügte ihm nicht. Er scharte eine Bigband um sich und begann, Deutsch zu singen. In Interviews sagt der 37-Jährige, das sei eine Idee seines Managers gewesen. Doch kommt Cicero trotz des Wunsches, mehr aus sich zu machen, ohne die üblichen Mätzchen der postmodernen Aufmerksamkeitsökonomie aus – wenn man von der unglückseligen Kampagne für den Grand Prix in Helsinki absieht. Aber die Gelegenheit, ein millionenfaches Fernsehpublikum zu erreichen, war für den Mann, der zuvor oft genug vor dreißig Leuten auf der Reeperbahn gespielt hatte, wohl einfach zu verlockend.

Die Karrieren von Entertainern wie Cicero werden im Fernsehen gemacht, wo Musik Lifestyle ist. Plattenrezensionen erscheinen in „Gala“ und „Brigitte“. Dort entfaltet der New Swing seine Coolness und Geschmeidigkeit als Gegenbild zur sozialen Kälte. Dem rauer werdenden Umgangston setzt er eine Politik der leichten Hand entgegen.

Man kann das, was Cicero zum Rampenberserker macht, nicht in Talentshows lernen. Oder im Studio züchten. Seine Songs stammen überwiegend aus der Feder des Mannes, dem auch Annett Louisan ihre Karriere verdankt. Frank Ramonds pointenlistige Texte weiß Cicero so innig der eigenen kumpeligen Persona anzuverwandeln, als wären es seine eigenen. Wobei er offen eingesteht, dass sie mit Altbewährtem jonglieren. Der Wiedererkennungseffekt ist hoch bei Songs über Alltagssorgen wie der, ein Abendessen bei Freunden absagen zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Auf „Beziehungsweise“, Ciceros aktuellem Album, geht es um Affären, verwirrend starke Freundinnen, die sich immer durchsetzen, obwohl sie nicht wissen, was sie wollen, um Abschiede und Anrufe von der Mutter. Der Themenkreis von „Männersachen“, dem erfolgreichen Albumdebüt von 2006, hallt noch nach.

Ernstere Töne schlägt Cicero in einem Lied über seinen vor zehn Jahren verstorbenen Vater an, den Jazzpianisten Eugen Cicero („Ich hätt’ so gern noch tschüss gesagt“). Darin heißt es: „Du hast halt auch im Leben gerne viel improvisiert.“ Das ist der Leitsatz des Prekariats, das sich im Resonanzraum des Jazz oder dem, was von ihm übrig ist, lustvoll und lässig mit den ungesicherten Lebenssituationen versöhnt.

Dass jetzt auch Fernsehmoderatorin Barbara Schöneberger in Sachen Swing unterwegs ist, dass im Berliner Admiralspalast mit dem „Swinging Ballroom“ altmodische Revue-Traditionen wiederbelebt werden, zeigt, wie sehr sich die Mode vom Retro-Trend entfernt hat. Mit Max Raabes Palastorchester-Klassizismus hat dieser modernisierte Pop-Jazz nichts zu tun.

Die Stunde Null schlug 2001, als Robbie Williams mit „Swing When You’re Winning“ den Reiz des Imagetransfers demonstrierte: Aus dem Pop-Hallodri und notorischen Teenie-Rüpel wurde binnen weniger Takte ein seriöser Kulturbotschafter. Sein virtuelles Duett mit Frank Sinatra lieferte das role model für den Versuch, der Popmusik Charme und Reife zurückzugeben, sie aus dem Korsett der Jugendlichkeit zu befreien. Auch für den Kanadier Michael Bublé ist Sinatra das Vorbild. Seit 2003 hat er mit jazzigen Adaptionen von Klassikern der Beatles und des „Rat Packs“ elf Millionen Platten verkauft. „Call Me Irresponsible“ ist seine dritte CD. Wurde der knuffige 32-Jährige mit Hang zur Leibesfülle anfänglich für seine Swingmanie verlacht, nahm sich Produzent David Foster bald des sympathischen Burschen aus Vancouver an. Auf Fosters Haben-Seite stehen 14 Grammys, er hat Céline Dion groß gemacht und Josh Groban entdeckt. Aber noch wichtiger ist sein Ohr für Leute, denen Rockmusik zu hart, Pop zu oberflächlich, Jazz zu verstiegen und Klassik zu elitär ist. Er produziert Musik für die Schnittmenge.

Auch Peter Cincotti ist zuletzt in die David-Foster-Schule gegangen. Seine Texte auf „East of Angel Town“ wirken nicht mehr, als sollten sie bloß die Lücken zwischen virtuosen Pianoläufen füllen. Furios wechselt er Stimmlagen, lässt Melodien mitten im Schwung in der Kopfstimme verglühen und scheut auch vor E-Gitarren nicht zurück. Wenn hier etwas brennt, dann bestimmt kein Rohling.

Peter Cincottis Album „East of Angel Town“ erscheint am 23. November bei Warner, wo auch Michael Bublés „Call Me Irresponsible“ und Roger Ciceros „Beziehungsweise“ erschienen sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar