Jochen Distelmeyers Soloalbum "Heavy" : Dämonen zähmen

Er macht einfach weiter: Jochen Distelmeyers mit Spannung erwartetes Solodebüt „Heavy“.

Kai Müller
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Herzblut zum Herunterladen. Jochen Distelmeyer leidet ungerührt. Foto: Columbia

Hass hat in der Musik keinen guten Klang. So wuchtig und niederträchtig können Akkorde gar nicht sein, um dieser schädlichsten aller Gemütslagen gerecht zu werden. Und sind Hassgefühle nicht überhaupt das Gegenteil von Musik, ein Störgeräusch der Seele? Für Jochen Distelmeyer kündigt sich das Ungemach als dünnes, kreischendes Feedback-Rauschen an. Ein schwerer, steifer Beat setzt ein, und hart geschlagene E-Gitarren richten sich zu einer lärmenden Wutwand auf. Haben die Menschen nicht alles Recht, als entfremdete Kreaturen Hass zu empfinden? Das ist es wohl, was Distelmeyer sagen will. Dass die Nobelkarossen der Reichen und Mächtigen brennen, geht da schon in Ordnung, ein Ausweg ist es nicht. „Wohin mit dem Hass, all dem Hohn und Spott“, fragt der Sänger und bietet sich als Katalysator an. „Gebt mir Euren Hass und seht mir zu, wie ich ihn für euch verwandle.“

Wow, geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Ist das die Geburt der Popfigur Distelmeyer, formerly known as Dornenboy Jochen und Mastermind der Hamburger Band Blumfeld aus dem Geist der Sakristei? Bietet sich da einer als Projektionsfläche und stellvertretend Leidender für all die ungeklärten Aggressionen seiner Zeitgenossen an? Ist das gesund?

Auf dem Coverfoto des am kommenden Freitag erscheinenden Albums verschwindet Distelmeyers Gesicht hinter einer rosafarbenen Kaugummi-Blase. Auf der Rückseite ist die Blase zerplatzt und er kratzt sich die Reste vom Gesicht. Ja, mit Knalleffekten kennt er sich aus, der „Zeichensprecher“, der mit Blumfeld von 1992 an die Schwundstufen des linken Bewusstseins bebilderte und nun, nach Auflösung der Band 2006, das mit Spannung erwartete Solodebüt vorlegt. Es heißt „Heavy“. Dabei dominieren in den schlichten, überwiegend der Liebe und ihrer Krisen gewidmeten Liedern, die Distelmeyer in klassischer Bandbesetzung aufgenommen hat, luftige, leichte, positive Stimmungen. Das wuchtige „Wohin mit dem Hass?“ ist da nicht mal eine Ausnahme, denn es erfüllt mit seinem wolkigen Lärm das Versprechen auf emotionale Metamorphose. Aus Unzufriedenheit wird Kunst.

Distelmeyer ist ein Zwitterwesen vom Stamme der Morrisseys. Musikalisch ist er mitten in den Pop-Mainstream vorgestoßen, aber er bleibt auf die künstlerische Integrität der Subkultur eingeschworen. Sein Dilemma: als Künstler in grenzenloser Freiheit zu leben, aber sie nicht bejubeln zu dürfen, als Mensch zu vereinsamen, aber es nicht betrauern zu können. Dagegen hat er seine eigene Unverwüstlichkeit entwickelt, die sich auf „Heavy“ in ihrer ganzen überspannten Ungerührtheit durch die Songs zieht. Da geht es um die Begegnung mit einem alten, verschollenen Seelenverwandten („Er“), um die Frage, ob man in einer Liebesbeziehung ohne Perspektive „bleiben oder gehen“ solle, um unerwiderte Liebe („Nur mit Dir“) oder das Glück, seinen Platz zwischen spielenden Kindern gefunden zu haben („Murmel“)– aber all das wird kühl konstatiert, beinahe selbstzufrieden: „Ich weiß jetzt, warum ich hier bin, stell’ mich in den Strom der Zeit auf meinem Weg durch all den Irrsinn zwischen Lust und Leid.“ Gitarre, Bass, Schlagzeug und Piano verströmen ungebrochenen Optimismus, eine Ordnung und Transparenz, die um so etwas wie Schmerz und das Chaos der Gefühle einen großen Bogen macht.

„Alles macht weiter“, heißt seine Losung, getreu einem früheren Titel. „Ich hatte eigentlich gedacht“, gesteht er im Gespräch, „ich könnte die Finger länger von der Gitarre lassen, um Abstand zu gewinnen.“ Aber ziemlich schnell schrieb er wieder Songs und Zeilen wie „Ich fühl mich wie ein Junkie/ Ein Oldie feiert sein Comeback“. So ist „Heavy“ eine Blumfeld 2.0-Version, die Distelmeyers alter Vorliebe für geschichtete Sonic-Youth-Gitarren ebenso frönt wie sein über die Jahre immer stärker gewordenes Interesse an einer klaren, unverstellten Lyrik. Die Texte untermauern seinen Status als einer der besten Songwriter in deutscher Sprache, auch wenn sich seine Bekenntnisse nun nicht mehr vor dem Hintergrund eines Kollektivgefühls entfalten wie ehedem, als er mit seinen komplexen Zitat-Montagen den Diskurs-Pop der „Hamburger Schule“ prägte und „Musik für eine andere Wirklichkeit“ zu machen versprach. Heute stehen sie für sich.

Dazu passt, dass mit „Regen“ eine kuriose Karaoke-Nummer den Auftakt macht. Schon früher hatte Distelmeyer die Albumform für Rezitationen genutzt, für die sich die passende Musik vielleicht nicht eingestellt hatte. Jetzt gipfelt sein äußerst prätentiöses Solo in der Selbststilisierung als unbehauster Einzelgänger: „Ich gehe durch die Straßen ohne Gott und ohne Geld/ und ich sing’, damit du weißt, ich war dir treu.“

Solche Zeilen wären nicht zu ertragen, wenn Distelmeyers Hinwendung zu einem radikalen Ich-Monismus nicht doch mit der Sehnsucht einherginge, dass Popmusik mehr als persönliche Befindlichkeiten spiegelt. Vom angry young man aus der „Ghettowelt“ bis zum Hobo, der die Gemeinschaft verlässt und sich „jenseits von jedem“ – so ein Plattentitel – seiner Verantwortung stellt, hatte er als Blumfeld-Sänger sämtliche Positionen der Dissidenz durchgespielt und für sich erledigt. Was sollte da nach dem naturverbundenen „Apfelmann“ noch kommen?

Auf „Heavy“ tritt Distelmeyer als Solist aus der Kulisse, dem sein Weltbild um die Ohren fliegt – nicht nur als Kaugummi-Ballon. So markieren die neuen Songs die endgültige Abkehr von äußeren Referenzsystemen. Oder in Distelmeyers Worten: „Anstelle der auf die unverstandenen Dinge geworfenen Projektion und der Fähigkeit, auch das Unverstandene als sinnvoll begreifen zu können, tritt Erkennen und Enttäuschung. Die Projektion können an den Dingen nicht mehr haften, so dass sie sich wieder auf einen zurückbeziehen und man sie als in einem selbst wirkende Widersprüche, Sehnsüchte, Dämonen erfährt.“ Von diesen Dämonen handelt „Heavy“, wenn sie auch auf Distelmeyersche Weise gebändigt und im konventionellen Rockgestus gezähmt werden.

Man kann dem Mann, Jahrgang 1967, nicht vorwerfen, musikalische Experimente gescheut zu haben, die seine Solokarriere ganz anders begründen würden. Dass er deshalb an die „lukrativen Töpfe“ im Pop-Business heranwolle, wie die Zeitschrift „Spex“ unkt, greift aber auch zu kurz. Denn „Heavy“ demonstriert im Gegenteil Distelmeyers Abneigung gegenüber jedwedem Opfer, jeder Repräsentanz. Wenn er in seinen berührendsten Momenten trostlos, beinahe untröstlich davon singt, verdrängt zu werden („Und ich weiß, dass es passiert, dann stehst du da mit einem anderen, er weiß sogar schon meinen Namen“), spielt die Band und singt der Sänger, aber beides findet nicht zueinander. Die Songs verkörpern nicht mehr, worum es gehen soll.

Es genüge ihm, einfach nur da zu sein, hat er zuletzt seinen Mangel an Kampfgeist begründet. „Wenn ich fertig bin, lass ich euch in Ruh – mit eurem Hass“, ruft Distelmeyer übrigens noch. Und genau so fühlt man sich beim Hören von „Heavy“: alleingelassen.

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