Klassik : Des Teufels Pedal

In Neuhardenberg kultiviert der große Pianist Alfred Brendel sein Faible für schwarzen Humor.

Carsten Niemann

Zwischen den vier Evangelisten an der Stirnseite der Schinkelkirche zu Neuhardenberg sitzt der Teufel und spielt Klavier. Oder ist es doch Alfred Brendel? Sicher ist: Er spielt unwirklich gut. Und was den großen österreichischen Pianisten betrifft, so behauptet der ja ohnehin gerne, dass sich sein Name von einer mittelalterlichen Bezeichnung für den Leibhaftigen herleite. Während Frack und Flügel des Pianisten etwas zu massiv schwarz für das duftige Himmelblau und Rosa des Sakralbaus wirken, füllt sein Spiel den preußischen Tempel mit dem, was ihm noch fehlt: melancholische Abgründigkeit, lebendig pulsierende Zärtlichkeit – und Witz. Wobei Brendel zeigt, dass Humor nichts ist, auf das man sich verlassen kann. Noch nicht einmal bei Joseph Haydn, dessen c-Moll-Sonate das am konzentriertesten gestaltete Werk des Abends wird. Das wie gedankenverloren gespielte erste Motiv ist voll träumerischer Poesie, die Exposition aber und auch ihre Wiederholung schließt der Pianist mit dem Widerhaken eines neckisch hervorgehobenen Basstons ab. Nicht jedoch die Reprise: Die entlässt den Hörer mit dem vollen Ernst, zu dem die Tonart c-Moll fähig ist, in den langsamen Satz.

Hier kostet Brendel zum ersten Mal seine außerordentliche Sensibilität für harmonische Vorgänge aus. Mit ihr wird er die Zuhörer planvoll in Bewusstseinszustände führen, wie man sie sonst nur in glücklichen Momenten zwischen Schlaf und Wachen erlebt: Man taumelt mit ihm in Medianten, schreckt leicht auf Doppeldominaten hoch, um dann wieder in entfernte Mollparallelen zu entgleiten.

„Das war schön“, sagt ein Zuhörer, der seine Umgebung vergessen hat. Der Stille vor dem Schlusssatz versetzt er damit eine Schramme. Und hat doch recht: Eine so intensive Schönheit ist nicht leicht zu ertragen.

Wir begegnen Alfred Brendel am nächsten Morgen im Großen Saal der Schlossanlage. Die Sonne scheint optimistisch, duftende Nachklänge von herbstlicher Landluft, frischen Brötchen und Rasierwasser kitzeln in der Nase.

Brendel liest eigene Gedichte. Aufgekratzt und ein wenig übereifrig belacht das Publikum jede sich bietende Pointe, von der Sorge getrieben, eine Matinee zum Thema Nonsens, Humor und Musik ohne Gelächter sei keine gelungene Veranstaltung. Das geht eine Weile gut. Die Teufelsgedichte, die Brendel liest, bieten putzige Bilder und sind voll von jenem Musikerhumor, der sich am Spiel mit Wortklängen ergötzt: Ein Lachen wird da zur Lache, in der sich Teufelchen mit Wasser bespritzen.

Einen tieferen Blick in die Werkstatt des fantasiereich hintergründigen Klangerfinders Brendel erlaubt das Gedicht, in dem ein Mann beim Hochzeitsausstatter nach dem störenden Gelächter während des Jaworts sucht. Nach dem Gedicht vom Paradies, in dem „Engel / mit geschwärzten Flügeln / vom Himmel fallen“, entsteht eine erste betroffene Pause. Brendel kostet sie aus. Jetzt könnte Moderator Manfred Osten ein Gespräch über Scherz, Satire, Ernst und tiefere Bedeutung mit dem Pianisten beginnen. Denn bei aller Drolligkeit der Formulierungen zielen Brendels Gedichte mit ihrem Personal aus Engeln und Teufeln, Mozart und Beethoven, Gott und Urknall stets auf das Große und Absolute. Doch Osten gefällt sich in der Rolle des wohlgefälligen Causeurs. Das freundliche Glucksen in seiner Stimme verliert sich auch nicht, als Brendel, nach dem Kern seines Humors befragt, sehr ernsthaft bekennt, die Welt absurd zu finden. So unheilbar absurd, dass er, statt Ostens Einladung zu behäbiger Politikerschelte anzunehmen, zur Verdeutlichung ganz humorlos hinzufügt, dass „Blairs und Bushs Weltverbesserungsversuche den Irakkrieg auf dem Gewissen“ hätten. Osten steuert das Gespräch auf musikalisches Terrain. Brendel lacht ein entwaffnend befreites breites Lachen, als er darüber philosophiert, warum man besonders in den strengen Sonatenformen Mozarts und Haydns so herrlich ungezogen sein könne. Als Brendel zum Schluss die Themen Globalisierung und Erderwärmung touchiert, beendet Osten das politisch’ Lied mit einem kleinen Feuerwerk angelesener Aphorismen.

Es gibt übrigens wirklich kein Haus und kein Fleckchen Erde rund um Schloss Neuhardenberg, das nicht liebevoll restauriert oder sauber geharkt wäre. Nur durch die Graseinfassung des Parkplatzes führt ein Trampelpfad in Park und Natur. Den nehmen wir jetzt.

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