Klassische Musik : Con fuoco

Ein begeisternder Abend am S-Bahnhof Friedrichstraße: Christian Thielemann und seine Münchner Philharmoniker in Berlin.

Christiane Tewinkel

Warm ist es im Admiralspalast. Die Münchner Philharmoniker sitzen eng, Christian Thielemann sieht man an, dass er Klimaanlagen liebt. Der Vorhang im Bühnenhintergrund scheint höchstpersönlich dafür zu sorgen, dass nicht zu viel klanglicher Schmelz aufkommen kann. Trotzdem rundet sich dieses Konzert, das aus der Philharmonie in die etwas räudige Gegend am S-Bahnhof Friedrichstraße ausgelagert wurde, zu einem wunderbaren Abend.

Gerade an diesem Ort wird die Gediegenheit der Programmwahl deutlich sichtbar: Von Schumann Manfred-Ouvertüre und vierte Sinfonie, dazu Brahms’ Violinkonzert. Es dauert zwar, bis aus dem Gewölk, das die Spielstätte aus der Ouvertüre zu machen droht, das herrlich warme Holz, die fein sortierten Streicher der Münchner hervortreten können. Doch siegen Atmosphäre und Leidenschaft. Rasch wird Thielemann mit Bravi umkränzt. Schon das Violinkonzert mit Gil Shaham gerät zum Credo der Vermählung von scharfem Blick und konservativ vernünftiger Interpretationspraxis. Nicht Kitsch, zu dem gerade dieses Stück mit weit geöffneten Armen einlädt, sondern Transparenz wird zum Gebot. Shaham, originell bis zur Verschrobenheit, macht dabei ein wenig, was er will, vor allem anfangs: kontrolliert aus der Form geratene Läufe, un-süße Kantilenen, ein wundervoll kühl geschnittener Ton. Die große Kadenz überführt er derweil, wohin sie womöglich einst gehörte, ins Reich der reinen, sinnentleerten Fiedelei nämlich, ganz nah bei der totalen Stille.

Auch in Schumanns Vierter behalten die Münchner das hohe Erregungsniveau bei, ihre geradezu Beethoven’sche Tiefe im Zugriff, zumal mit der schwärzlichen Romanze, dem derart triumphal sich erhebenden letzten Satz. Viel Begeisterung, und als Encore Schumanns niedliche, mit spieluhrartigen Marseillaise-Anklängen durchsetzte Ouvertüre zu „Herrmann und Dorothea“. 

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