Konzert : Fast unbesiegbar

Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Reklamation: Wir sind Helden entzücken in der ausverkauften Columbiahalle.

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Judith Holofernes und Jean-Michel Tourette Foto: dpa
Judith Holofernes und Jean-Michel TouretteFoto: dpa

Gitarre weg. Tanzen! Weil sich Judith Holofernes bei den Aufnahmen fürs neue Album auf den Gesang konzentrieren wollte, darf sie jetzt: mit den Armen rudern, Hüfte schwingen, wild im Kreis rotieren und moonwalken, aber nach vorne. Dafür spielt der Bassist nun Gitarre, manchmal aber auch Banjo, der Keyboarder Akkordeon und zwei Begleitmusiker übernehmen, was eben übrig bleibt nach der Instrumentenrochade. „Zuhause“ jubelt Holofernes gleich zu Beginn, und das ist nicht bloß lokalpatriotisch zu verstehen. Die Columbiahalle ist seit Wochen ausverkauft, wer es hergeschafft hat, kennt sowieso jede Zeile, egal von welchem der vier bisherigen Alben. Als die Sängerin beim älteren „Echolot“ husten muss, übernimmt das Publikum, das Mitgeklatsche erreicht streckenweise eine Westernhagenhaftigkeit, dass einem glatt bange werden könnte. Aber nicht dieser Band, nicht an diesem rauschhaften Abend.

Vor sieben Jahren wurde an selber Stelle ein Helden-Konzert mitgefilmt und zum Video ihres Konsens-Hits „Denkmal“ zusammengeschnitten. Heute fällt auf: weniger Teenies, weniger Gehüpfe, bis auf die Tanzmaschine Holofernes vorne auf der Bühne. Wir sind Helden sind nicht mehr die Band, die Trends setzt, aber auch nicht mehr die, die darauf angewiesen wäre. Noch eine Bewegungsfreiheit, die ihnen sichtlich gut tut - sie fast unbesiegbar macht, unter dem riesigen Mobile aus stilisierten Herbstblättern an der Hallendecke. Oder sind es Regentropfen. Gar Freudentränen.

Im zweiten Teil des Konzerts steigert sich der Auftritt zu einem furiosen Hippie-Event, zur Zugabe kehrt Holofernes in weit fallendem Glitzerkleid auf die Bühne zurück, dann spielen sie „Let the sunshine in“ aus Hair, und am Ende strahlt der Projektor ein riesiges Peace-Zeichen an die Wand. Vor der Bühne jauchzt der Akademiker-Moshpit. Kleiner Schönheitsfehler, dass Judith nicht noch zur anstehenden Castor-Blockade aufruft, sondern das Nebenprojekt ihres Drummer-Gatten bewirbt. Aber egal, hier ist irgendwie alles für einen guten Zweck.

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