Konzertkritik : Anni B. Sweet im Crystal

Anni B. Sweet ist 23 Jahre alt und macht ruhigen, akustischen Singer/Songwriter-Folk. Im Timbre erinnert die Spanierin gelegentlich an Heather Nova.

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Anni B. Sweet
Anni B. SweetFoto: Promo

Aus "deep down in Louisianna close to New Orleans" kommt sie nicht. Sie saß auch vermutlich nie "in a tree beneath the railroad track" und trägt ihre Gitarre nicht in einem "gunny sack". Sie heißt ja auch nicht Johnny B. Goode, sondern Anni B. Sweet. Und stammt aus Malaga in Spanien, lebt inzwischen in Madrid und steht jetzt auf der Bühne vom kleinen Crystal-Club in Berlin. "Go Anni go, go go!" ruft niemand, die Musik der hübschen 23-Jährigen im kurzen türkisen Kleidchen ist ja auch kein Rock 'n' Roll à la Chuck Berry, sondern ruhiger, akustischer Singer/Songwriter-Folk. Zum Einstand eine feine Version von Vashti Bunyans "Train Song" aus dem Jahr 1966. Die Akustikgitarre klingt zupfig folkig. Die Stimme hauchig bis glockenhell. Im Timbre erinnert sie gelegentlich an die Amerikanerin Heather Nova.

"Buenas noches! - Guten Abend!" sagt Anni B. Sweet, die eigentlich Ana López Rodríguez heißt. Und ob sie Spanisch sprechen solle oder Englisch? Sie kichert charmant. Irgendwann erklärt sie auf Englisch, dass sie froh sei, dass ein paar Leute gekommen seien, sie anzuhören … kicher, kicher … weil sie doch in Deutschland noch niemand kennt, und man doch eigentlich nicht in ein Konzert geht von jemanden, von dem man vorher noch nie etwas gehört hat.
Doch, gelegentlich tut man das. Vielleicht weil man immer neugierig ist auf neue, unbekannte Musiker, neue Talente. Vielleicht auch nur, weil der Name Anni B. Sweet unbewusst diese Erinnerung geweckt hat an Johnny B. Goode.

Vor zwei Jahren schon in Spanien veröffentlicht, ist Anni B. Sweets erstes Album "Start Restart Undo" erst dieser Tage in Deutschland erschienen. Ein paar Kostproben davon jetzt im Konzert. Allerdings ohne ihre komplette Band, mit der sie sonst unterwegs ist. Normalerweise habe sie zusätzlich noch Geige, Keyboards und Bass dabei, sagt sie. Heute nur die "Spar"-Version: für die kleine Bühne und das kleine Publikum die kleine Besetzung.

Doch die hat es wirklich in sich. Sehr sparsam, aber umso effektiver, mit viel Gefühl für Annis überwiegend ruhige Songs, finden die beiden Begleiter immer den richtigen Ton und Ausdruck zur adäquaten Illustration schwarzer Schwere oder luftiger Leichtigkeit.

Sehr abwechslungsreich und voller exquisiter Einfälle bedient der Drummer sein Schlagzeug mit allerlei Besen, filzigen Klöppeln, sowie vielfältigem Klapper-, Rassel- und Schnarrzeug.
"You go away and my heart drops into a hole of pain" singt Anni. Der Drummer lässt rhythmisch eine schwere Kette auf die Snare fallen, während der lange dürre Gitarrist auf der roten Telecaster atmosphärische Tremolo-Schwirr-Sounds erzeugt oder volle Orchesterklänge mit dem E-Bow.

Am reizvollsten klingen Anni B. Sweets Songs immer dann, wenn sie sich freispielen von süßer Mädchenhaftigkeit, wenn es gelingt, das Liebliche in gefährliche Schieflage zu kippen. Wie im herausragenden Stück "Oh i oh oh i" mit einem angeschrägten Rhythm 'n' Blues-Riff und einer an Marc Ribot erinnernden Gitarre. Oder im dunklen "Burnt", wo der Gitarrist einen Drumstick effektvoll wie einen Violinbogen über die Saiten zieht und Annis Stimme von weicher Samtheit in metallische Schrille hochflattert.

"We had a good time!" sagt Anni B. Sweet nach einer Stunde, "and we hope you had a good time, too!" Allerdings, hatten wir! "Go Anni go, go, go!" ruft jemand.

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